Berliner Firmenlauf 2012

Web-Design mit Entdecker-Potenzial

Wenn Nutzer die Inhalte einer Webseite auf individuelle Art erforschen können, erhöhen sich Nutzererleben und Motivation

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02. September 2010 — 

Mit höchstens drei Klicks zum Ziel. Für Webpages und Benutzeroberflächen ist dies seit Jahren ein zentrales Qualitätskriterium: Der Weg zur gesuchten Information soll so effizient wie möglich gestaltet sein. Die Drei-Klick-Regel gilt dabei üblicherweise als Idealfall. Wenn der Besucher einer Website oder der Nutzer einer Geschäftsanwendung gezielt nach einer Information oder einem Softwaredienst sucht, hat dieses Effizienz-Postulat unbestritten seine Berechtigung. Denn im Fall der gezielten Suche nach bestimmten Inhalten ist das positive Nutzererleben (User Experience) umso größer, je effizienter Suchvorgänge geleitet und durchgeführt werden können. Allerdings ist das gezielte Suchen bei weitem nicht das einzige Interaktionsmuster, das bei der Nutzung von Geschäftsanwendungen oder Webangeboten zum Tragen kommt. So können Webpages beispielsweise auch als Wissenssammlung und Schulungsmedium dienen und übernehmen dann die Aufgabe, ihre Besucher über ein Thema so grundlegend wie möglich zu informieren. Soll eine Webseite diesen Anspruch erfüllen, reicht es allerdings nicht mehr aus, lediglich Suche-Ziel- Pfade nutzerfreundlich zu gestalten. Das Interaktionskonzept muss (teils) deutlich erweitert werden. Nur so kann es denjenigen, der die Seite oder Anwendung aufgerufen hat, dabei unterstützen, sich sinnvoll und nachhaltig über die Vielfalt eines Wissensbereichs zu informieren. Mehr noch: Im Idealfall müsste ein entsprechendes Interaktionskonzept sogar das Interesse und das Engagement des Anwenders gezielt verstärken, um ihn „bei der Stange“ zu halten.

Während ein klar strukturierter Seitenaufbau oder andere pragmatische Aspekte der Nutzerfreundlichkeit längst zu den etablierten Qualitätsstandards im Web-Design gehören, gibt es noch kaum verlässliche Studien und Konzepte dafür, wie sich sogenannte hedonische Eigenschaften, also beispielsweise motivationsfördernde Interaktionselemente, gezielt in eine Nutzeroberfläche implementieren lassen. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts FUN haben sieben Partner aus Wissenschaft und Industrie nun verschiedene Interaktionskonzepte entwickelt und getestet, die sich genau dieser Aufgabe widmen: Sie sollen die „User Experience“ von Webpages und Geschäftsanwendungen gezielt verbessern. Eines der unter der Projektleitung von Fraunhofer IESE erarbeiteten Ergebnisse ist „Exploration“ – ein neuartiges Navigationskonzept für Webseiten.

Markanter Bestandteil von Exploration ist ein „Entdeckermodus“, bei dem der Nutzer nicht – wie sonst bei Webseiten üblich – mit einem Seitenaufbau konfrontiert wird, bei dem alle Inhaltsrubriken und Navigationselemente statisch und auf einen Blick präsentiert werden. Stattdessen werden nach dem Aufruf der Seite zunächst wenige Symbole und Stichworte angezeigt. Zudem sind diese Navigationselemente nicht alle unmittelbar sichtbar, sondern auf einem Laufband angeordnet, das nach beiden Seiten über den Bildschirm hinausreicht und durch Cursorbewegungen zum linken oder rechten Seitenrand bewegt werden kann. Wählt der Nutzer eines der Symbole, beispielsweise den mit „Publikationen“ beschrifteten Button eines stilisierten Buches, gelangt er analog der Navigationsfunktion einer „klassischen“ Webseite zur entsprechenden Unterseite. Über einen „Home“-Link kann er jederzeit wieder auf das Navigationsband zurückkehren. Zusätzlich erscheint der Button der bereits besuchten Unterseite nun auch in der bisher noch leeren Navigationsleiste in der Kopfzeile der Webseite. Diese füllt sich nun „Klick für Klick“, so dass eine individuelle Navigationsleiste entsteht. Der Vorteil dabei: der Nutzer entdeckt nach und nach Inhalte – ohne Vorab von der Fülle der Informationen „erschlagen“ zu werden. Zudem regt die dynamische Gestaltung der Interaktionselemente dazu an, die Inhalte der Webseite nach und nach auf eigenen Wegen zu erforschen – der „Entdeckertrieb“ wird geweckt. Die unmittelbare Personalisierung der Webseite durch Aufbau einer individuellen Navigationsstruktur fördert außerdem die Identifikation mit der Softwareanwendung. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Form von positiver Anspannung, die durch das eigenständige Entdecken entsteht (interpretative Spannung). Sie wird zum einen durch Farben und Symbole erzeugt, mit denen Struktur und Inhalt der Webseite oder der Anwendung dargestellt werden. Vor allem aber wird sie durch die Möglichkeiten zur freien Wegewahl innerhalb der gesamten Anwendung nochmals deutlich verstärkt. Die Bildschirmansicht wirkt nun nicht mehr wie eine Grenze für die Navigation wie das bei statisch aufgebauten Webpages in der Regel der Fall ist. Sie fungiert vielmehr als Ausschnittfenster, indem der Nutzer unterstützt durch die interaktiven Elemente selbst durch die Seiteninhalte navigiert. Das spielerische Erkunden des Informationsangebotes auf eigenen, individuellen Pfaden erzeugt ein positives Surferlebnis. Es kommt zu Erfolgserlebnissen, die es dem Nutzer erleichtern, die eigenständig entdeckten Informationen zu behalten und in den persönlichen Wissenskontext einzuordnen. Dabei hat er niemals das Gefühl, etwas falsch machen zu können oder sich in dem Informationsgeflecht der Webpage nicht mehr zurechtzufinden: Während seiner gesamten Entdeckertour wird am Bildschirm immer eine „Reset“-Option angezeigt, mit der er jederzeit die individualisierte Navigationsstruktur wieder auf Null setzen und zur ursprünglichen Anfangsdarstellung zurückkehren kann.

Um die Wirkungsweisen und Effekte ihres Navigationskonzepts in einer Pilotstudie testen zu können, integrierten die Projektpartner den „Entdeckermodus“ in ihre Projekthomepage. „Schauen Sie sich auf der Seite an, wozu Sie Lust haben. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie möchten“ – so lautete die Vorgabe sowohl für die Probandengruppe mit der normalen, statisch aufgebauten Webpage, als auch für eine zweite Gruppe, der die Inhalte im „Entdeckermodus“ präsentiert wurden. Die Auswertung der Pilotstudie konnte belegen, dass die Teilnehmer mit interaktiven Navigationselementen deutlich mehr Inhaltsseiten besuchten. Im Schnitt navigierten sie 24 verschiedene Seiten an, während die Vergleichsgruppe lediglich 14 Seiten der Webpage anwählten. Auch der Vergleich der gesamten Nutzungszeit war bei der Versuchsgruppe mit interaktiver Navigation mit mehr als 20 Minuten deutlich höher als bei der Nutzergruppe mit der statischen Benutzerführung, die sich durchschnittlich 8,5 Minuten auf der Website aufhielt. Die rein statistischen Werte wurden auch von der subjektiven Einschätzung der Anwender unterstützt. Die Informationspräsentation im „Entdeckermodus“ wurde von ihnen als erheblich „stimulierender“ und „motivierender“ empfunden.

Allerdings sehen die Projektpartner „Exploration“ lediglich als ein Beispiel dafür an, wie sich die hedonische Qualität von Webpages und Geschäftsanwendungen gezielt und messbar verbessern lässt. Zusätzlich wurden auch Konzepte für personalisierte, interaktive Elemente erarbeitet, mit denen sich Benutzeroberflächen von IT-Service-Provider -Anwendungen motivierender gestalten lassen: Durch die Integration einer „Veto-Funktion“ etwa erhält der Anwender ein Mitspracherecht, um ungeliebte Aufgaben ablehnen zu können. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass er sich vorher durch eine hohe Erfüllungsquote bestimmter Aufgaben, zum Beispiel die lückenlose Live-Erfassung seiner Arbeitszeiten, einen „Veto-Bonus“ erworben hat.

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