Cebit Innovation Award

Vorausberechnung -schau oder -suche?

Kolume "Kochbuch"

155

©  — 

Kolumne | Kochbuch | Prof. Günter Koch

VORHERIGES BILD
NÄCHSTES BILD
<>
27. Mai 2010 — 

Gottfried Wilhelm Leibniz erfand und entwickelte 1685 eine Rechenmaschine, von deren Technologie er sich weit mehr versprach, als die vier Grundrechenarten. Bei seinem Arbeitgeber, dem Herzog Georg Ludwig von Hannover, deponierte er einen „Forschungsantrag“, dass wenn man ihm nur genügend Finanzmittel dafür gäbe, er ein „Kalkül zur Zukunftsberechnung“ mittels einer entsprechend konstruierten Rechenmaschine realisieren und so quasi die Zukunft vorausberechnen können würde. Leibniz‘ Optimismus war ein Epiphänomen der Aufklärung, in der Köpfe wie Galilei, Kepler, Descartes oder Newton glaubten, „die Welt“ würde mittels ergründbarer Regeln gesteuert.

Das Paradigma der naturwissenschaftlichen „Berechenbarkeit“ der Welt und sogar der Zukunft beherrscht noch heute die Köpfe vieler Zeitgenossen, obwohl wir eingestehen müssen, dass wir die Zukunft weit weniger „beherrschen“, als möglicherweise zu Zeiten, als es noch keine Naturwissenschaften gab - sonst hätte es zum Beispiel keine Finanzkrise geben dürfen. Noch vor einem halben Jahrhundert machten uns Zukunftsforscher wie der amerikanische Systemforscher Herman Kahn weiss, dass die Zukunft mit Hilfe mathematischer Programme voraussagbar sei (vgl. die Wettervorhersage, engl. forecast). Die Idee, Computersimulationen für den Blick in die Zukunft zu verwenden, ist heute nach wie vor gültig. Man benutzt diese Methoden auch, um alternative Szenarien zu identifizieren. Die derzeit heftig diskutierten und kritisierten Klimaprognosen sind solche Szenarien, die nicht mehr als „harte“ Vorausberechnungen der Zukunft verstanden werden, sondern in ihren Variationen als optionale Szenarien (engl. foresight).

Die Formel vom „erkennenden Handeln und handelndem Erkennen“ beschreibt in dieser dichtesten Form, dass Zukunftsvorausschau nicht mehr nur Planspiel, sondern eine ständiges „Voraus-Suchen“ ist. Damit dieses Suchen aber nicht in irrationalen Abgründen endet, wie wir sie häufig in fundamentalreligiösen Gesellschaften beobachten können, sind wir bestens beraten, diese Suche als „Voraus-Forschen“ anzulegen, mit anderen Worten: wissenschaftliche Arbeitsmethodik zu verwenden (engl. foresearch).

Der Stand der (wissenschaftlichen) Zukunftsschau ist somit der, dass man versucht, die „Leitplanken“ für die weiteren Entwicklungen zu identifizieren, sich aber nicht auf zu konkrete Prognosen einzulassen. Wer etwa konnte vor 20 Jahren vorhersehen, dass plötzliche Veränderungen, wie das Internet, unser Leben so profund beeinflussen würden? Foresearch“ meint deshalb, dass wir unsere relative Sicherheit die Zukunft zu „sehen“ aus der Fähigkeit beziehen werden, mit wissenschaftlich fundierter Methodik jede Situation so interpretieren zu können, dass uns jede daraus projizierbare Zukunft nicht mehr überraschend vorkommt. Das heißt aber auch, dass immer mehr Menschen befähigt werden müssen, wissenschaftlich zu denken.

MEHR

    Fehlt etwas?

    Neues Schlagwort

    Bitte registrieren Sie sich.

    HIER

    155 mal gelesen

    0 Kommentar(e)

    http://innovisions.de/beitraege/vorausberechnung-schau-oder-suche/

    Kommentare zu diesem Beitrag

    0 Kommentare