nicht angemeldet
Viel zu viele windelweiche Verkaufs-Shows
In kaum einem Bereich hat Fachwissen eine derart kurze Halbwertzeit wie in der Informations- und Kommunikationstechnik, insbesondere bei digitalen Medien. Weiterbildung der Mitarbeiter ist damit geradezu überlebensnotwendig. Hinzu kommen die immer schnel
Herr Gerlach, wie hat sich Ihrer Meinung der Markt der Bildungsangebote im IT-Bereich in den vergangenen Jahren verändert? Gibt es überhaupt noch genügend Teilnehmer für all diese Angebote?
Zumindest Trittbrettfahrer scheint es immer mehr zu geben. Wer nicht mehr weiß, was er sonst noch machen soll, macht dann anscheinend auch noch Veranstaltungen; nur leider ist das eben sehr viel komplexer, als man denkt. Vor allem mit dem Platzen der Internet-Blase hat sich der Markt geradezu dramatisch umstrukturiert. So sind zum Beispiel viele Angebote in E-Learning und Internet abgewandert. Ob es noch genug Teilnehmer gibt, hängt, glaube ich, stark von der Art des Angebots ab: Am meisten kämpfen wohl die immens wichtigen „Basics“ – also Grundlagenkurse etwa zu Standardsoftware – weil hier die Vergleichbarkeit der Angebote besonders hoch ist. Auch nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren ist es, sich angesichts weiter nachlassender Investitionen in die Weiterbildung mit Inhouse-Workshops im Markt zu behaupten. Die geringsten Probleme und deshalb wohl auch meisten Trittbrettfahrer finden Sie bei den großen Konferenzen, wo die Inhalte oft eher nebensächlich sind und eigentlich das Networking im Vordergrund steht. Die großen Anbieter setzen hier außerdem immense Marketing-Maschinerien in Bewegung.
Wenn Ihnen aber hochrangige Sprecher und Galadinners nicht genug sind: Wo haben die großen Management-Konferenzen Ihrer Ansicht Nachholbedarf? Wie sehen die erfolgversprechenden neuen Veranstaltungsformate denn aus?
Sie brauchen nur die Teilnehmer zu fragen: Die wünschen mehr Pros-and-Cons, mehr Abwägung bis hin zu „Worst Practice“, mehr Diskussion und Dialog, authentische Blicke hinter die Kulissen statt windelweicher Verkaufs-Shows. Jeder von uns kennt das, wenn die vermeintlichen Kontrahenten auf dem Podium plötzlich in trauter Einigkeit ihre Statements vortragen oder ein einzelner Speaker die Diskussion dominiert. Wo bleibt da der Kontrast? Was haben die Teilnehmer davon? Warum wird der Vortrags-Anteil nicht rigoros auf 50% begrenzt – der Rest dann als Dialog? Aber es gibt natürlich auch Gegenbeispiele wie etwa den Feldafinger Kreis, bei dem es in erster Linie um die Inhalte geht. So können interaktiv zwischen den Treffen und Veranstaltungen Thesen aufgestellt und diskutiert werden. Oder man lässt einzelne Thesen im Zuschauer-TED gegeneinander antreten.
Sind denn eigentlich deutsche Unternehmen aktiv genug in punkto Weiterbildung?
Nein. Insgesamt muss man leider sagen, dass wir inzwischen international deutlich hintendran sind. Das hat erst kürzlich die OECD wieder zu Recht angemahnt. Ich finde ja, einem Mitarbeiter muss es angesichts der Dynamik und Komplexität in unseren Branchen „zur Ehre gereichen“, wenn ich das mal so sagen darf, wenn er sich ständig weiterbildet. Sehen Sie, die herkömmliche Ausbildung kann ja den Herausforderungen schon heute nicht mehr gerecht werden, weil die IKT-Welt nach dem Ende eines Studiums eine andere ist als zu Beginn. Weiterbildung wird deshalb immer wichtiger. Dabei mag uns E-Learning vielleicht etwas helfen, aber insgesamt müssen wir viel mehr Gas geben, was die diesbezügliche Investitionsbereitschaft der Firmen in Brain, die Professionalität der Veranstaltungsformate und die Auswahl der Themen anbelangt.
A propos Themen: Wie entsteht denn in der Regel das Jahresprogramm – sagen wir der Bitkom Akademie? Kommen die Themenvorschläge eher von den Mitgliedern, der Verbandsspitze, den Teilnehmern...?
Die Bitkom-Akademie ist ja im „Dialogkreis Konvergenz“ entstanden, und dort entstehen auch viele wertvolle neue Pionier-Ideen für Veranstaltungen. Aber: Ich finde es schon verblüffend, wie stark die Anbieter die Themen und Formate voneinander kopieren. Eine erfolgreiche Veranstaltung finden Sie meist wenige Monate später in den Programmen der Mitbewerber.
Wenn man sich das Weiterbildungsangebot in der Medizin anschaut, dann haben sich dort Zertifizierungen und Punktesysteme bestens bewährt. Wäre das nicht auch im IT-Bereich ein Ansatz, die Bereitschaft zu erhöhen?
Es gibt ja bereits Überlegungen, Systeme wie die Credit Points der Hochschulen auf den Weiterbildungssektor zu übertragen, aber solche Änderungen brauchen ihre Zeit. Schließlich reden wir hier über gut 40.000 Anbieter. Die Standardisierung und Harmonisierung über ECTS an den Unis war ja schon schwierig genug. Aber wie gesagt, man ist hier zumindest auf dem Wege, etwa mit dem European Qualifications Framework, kurz EQF. Das wäre dann in der Tat ein Riesenschritt bei Vergleichbarkeit, Transparenz und Qualitätssicherung von Anbietern. Ähnliche Versuche gab es mit einer „Stiftung Bildungstest“ – der Wille war da, aber eine flächendeckende oder wenigstens repräsentative Umsetzung so gut wie unmöglich.
- Investitionen
- Mitarbeiter
- Bitkom
- Kompetenzmanagement
- Weiterbildungsabgebote
- Weiterbildung
- Informations- und Kommunikationstechnologien
- Interview
101 mal gelesen

Aktuelle Themen









Nach Oben
0 Kommentar(e)