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… und bin jetzt klüger als wie zuvor!

Software macht Debatten verständlicher

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© istockphoto.com/skvoor — 

Im europäischen Projekt IMPACT wird unter anderem eine Argumentation-Software entwickelt, um gesellschaftlich relevante Debatten mathematisch abbilden zu können und die Argumentationsverläufe verständlich und übersichtlich darzustellen.

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19. Juli 2011 — 

Diskussionsbeiträge werden häufig nur unter einem Gesichtspunkt beachtet: Stehen sie für oder gegen eine bestimmte Position? Vor allem bei längeren Erklärungen oder politischen Thesen könnten die genutzten Argumentationslinien aber zusätzlichen Aufschluss geben und die Vergleichbarkeit mit anderen Argumenten erhöhen. Im europäischen Projekt IMPACT wird deshalb unter anderem eine Argumentation-Software entwickelt, um gesellschaftlich relevante Debatten mathematisch abbilden zu können und die Argumentationsverläufe verständlich und übersichtlich darzustellen.

22 ernst zu nehmende Talkshows strahlen allein die überregionalen Fernsehsender jede Woche aus. Die meisten davon haben einen politischen Anspruch und wollen „informieren und aufklären“. Trotzdem stehen die Sender regelmäßig in der Kritik, weil sie selbst bei grundsätzlichen und gesellschaftspolitisch relevanten Problemen kaum eine Antwort bieten und den Zuschauer fast wie bei Goethes Faust mit der Frage zurücklassen: „Da steh' ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor.“ Selten besser, sondern in der Regel meist sogar verwirrender ist die Situation bei Diskussions-Foren im Internet. Hier kann sich zwar jeder mit Fragen und Meinungen beteiligen, letztlich jedoch sind diese Angebote vergleichbar mit einem Pool, der Meinungen sammelt, ohne Gesamtzusammenhänge herzustellen oder Argumentationsverläufe nachvollziehbar und verständlich darzustellen.

Um dem Problem eines freien, aber immer undurchsichtigeren „Diskussionsnebels“ zumindest im Ansatz Herr zu werden, entwickeln die Forscher des Fraunhofer FOKUS eine Argumentations-Software. Diese soll inhaltsgetriebene, vor allem politische Debatten verständlicher und übersichtlicher darstellen, als dies bislang im Internet möglich war: Im Rahmen des europäischen IMPACT-Projekts, das vom Fraunhofer Fokus koordiniert wird und im Januar 2010 mit dreijähriger Laufzeit gestartet wurde, sollen Argumentationen mathematisch erfasst werden, um sie dann beispielsweise besser zu strukturieren und die einzelnen Schritte eines Argumentationsverlaufs optisch darzustellen. Dabei greifen die Entwickler unter anderem auf Leitgedanken der Argumentationstheorie und vor allem auf den Philosophen Douglas Neil Walton zurück, nach dem das Ziel eines Arguments darin besteht, die Gültigkeit oder Ungültigkeit einer (bislang zweifelhaften) These zu beweisen oder wenigstens dazu beizutragen. Durch einzelne Argumente beziehungsweise Unterargumente entstehen also quasi „Knotenpunkte“ innerhalb einer Diskussion, die nun erfasst und mathematisch miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Die Ansätze der Fraunhofer-Forscher basieren dabei auf dem Konzept von Policy Portals, die sich als Anwendungen einer „Argumentation Toolbox“ interpretieren lassen. Basierend auf einem Rechenmodell der Argumentationstheorie können mit der Toolbox Policy-Debatten schematisch erfasst werden. Allerdings geschieht dies nicht vollautomatisch. Stattdessen rekonstruiert ein speziell geschulter menschlicher Moderator die einzelnen Argumente formal und gibt sie in das System ein.

Ziel des Projekts IMPACT (Integrated Method for Policy Making Using Argument Modelling and Computer Assisted Text Analysis) ist es, anhand der gedanklichen Ansätze von Policy Portals einen funktionierenden Prototypen zu entwickeln, um damit die rechtlichen Auswirkungen von neuen Policy-Vorschlägen auf die Bürger ableiten zu können. Exemplarisch arbeiten die Forscher am Fraunhofer FOKUS derzeit mit dem Diskussions- und Entscheidungsfindungsprozess der Europäischen Union bei der angestrebten Reform des Urheberrechts. So hat die Europäischen Kommission vor drei Jahren ein Grünbuch veröffentlicht, in dem Vorschläge zur Änderung einer Richtlinie für die Ausgestaltung des Urheberrechts enthalten sind, und betroffene Gruppen zu Stellungnahmen aufgefordert. Aktuell liegen fast 400 Antworten vor, einzelne sind bis zu 100 Seiten lang. Die enthaltenen Ansichten und Darlegungen mit klassischen Methoden zu bearbeiten ist allerdings ausgesprochen schwierig, da letztlich nicht nur die finalen Positionen abgefragt werden sollen, sondern auch geklärt werden muss, wie die einzelnen Gruppen argumentieren. Denn der Prozess eines Grünbuchs dient dazu, Policy-Vorschläge zusammen zu tragen. Ziel ist es also nicht, ein Meinungsbild über bekannte Positionen zu erhalten, sondern aus dem „Wie“ und „Warum“ der Stellungnahmen Argumente für oder gegen bestimmte Vorschläge zu erkennen.

Mithilfe von IMPACT soll es nun gelingen, die ungefähr zehntausend Argumentationslinien und Knotenpunkte zu analysieren und visuell darzustellen. Das Ergebnis könnte beispielsweise ein Argumentationsbaum oder ein dreidimensionales, offenes Gitter sein, bei dem häufiger auftretende Begründungen und Begründungsstränge verdickt hervorgehoben werden. Auf diese Weise würde beispielsweise offensichtlich, warum und über welche argumentative „Abzweigung“ eine Gruppe eine bestimmte Meinung ausgebildet hat. So könnte sich beispielsweise herausstellen, dass ein Musikverband eine Lockerung des Urheberrechts zwar ablehnt, dies aber weniger (wie vermutet) mit urheberrechtlichen, sondern mit organisatorischen Folgen begründet. Oder es könnte die Stellungnahme eines Verlages differenzierter dargestellt werden, der für ein härteres Urheberrecht plädiert, weil er auf Druck seiner Autoren handelt, obwohl die Geschäftsleitung eine differenziertere Auffassung hat. Innerhalb eines Argumentationsstrangs wären also auch Nuancen oder differenzierte Unterargumente ersichtlich, die bei einer reinen Abstimmung über Pro und Kontra kaum Beachtung finden würden.

Allerdings dürften die nun offensichtlich werdenden Argumentationsverästelungen aufgrund ihrer Vielzahl und Feinheiten ebenfalls schwer überschaubar sein. Die Forscher arbeiten deshalb auch an einer Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. So ist es denkbar, mit einer farblichen Kennzeichnung oder durch die Möglichkeit des Hinein- und Hinauszoomens beziehungsweise des Anzeigens unterschiedlicher Argumentationsebenen den „Einblick“ zu erleichtern.

Einige Detailfragen der Umsetzung sind noch offen und müssen zwischen den beteiligten Partnern (unter anderem die Universitäten von Leeds, Liverpool und Amsterdam sowie die deutschen Firmen User Interface Design und Zebralog) noch geklärt werden. Ideal für diese teils komplexen Diskussionen wäre ein Tool, das die Argumentationslinien differenziert erfasst. Und genau dies entwickeln die Forscher im IMPACT Projekt.

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http://innovisions.de/beitraege/und-bin-jetzt-klueger-als-wie-zuvor/

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