„Standardisierung als Basis

Der neue Präsident des VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik) kommt diesmal nicht aus der Industrie, sondern aus der Wissenschaft: Prof. Josef A. Nossek ist Ordinarius für Netzwerktheorie und Signalverarbeitung an der TU M

03. März 2007 — 

Die IT-Forschung verzeichnet eine immer stärkere Verschiebung der Wertschöpfung von der Elektronik hin zu Software und „intelligenten“ Systemen. Trifft dies, Herr Prof. Nossek, auch auf die im VDE vertretenen Unternehmen zu?

 

Auf jeden Fall, ja. Software ist bekanntlich kein Monopol der Informatik, denn schließlich sind es Elektrotechniker, die einen Großteil der Software für eingebettete Systeme schreiben. Doch die Wertschöpfung verschiebt sich zugleich in eine ganz andere Richtung, nämlich in die des „Intellectual Property“, wo wir inzwischen einen äußerst harten Konkurrenzkampf haben. Nehmen Sie zum Beispiel die Weiterentwicklung von UMTS. Hier verlagert sich der Wettbewerb immer weiter nach vorne. Entscheidend ist, welcher Konzern seine Lösungsansätze am frühesten und stärksten in die Standardisierung einbringen kann, wodurch die Netzbetreiber einen immer größeren Einfluss bekommen. Für die deutsche Forschung ist dies eine große Chance, denn die Konzerne müssen sich mehr denn je durch wissenschaftliche Kooperationen Zugang zu den neuesten Entwicklungen sichern.

 

Welche Rolle nimmt denn die Standardisierung im Innovationsprozess ein – bei der Umsetzung softwarebasierter Technologien in Produkte?

 

Nehmen Sie einfach die Entwicklungsaufwendungen eines heutigen IT-Hightechprodukts mit hochintegrierten Schaltkreisen. Ein Redesign wegen plötzlich veränderter Standards ist finanziell fatal. Standards setzen also Innovationsprozesse in Gang, sichern bestehende Innovationen und machen große Stückzahlen ergo eine kostengünstige Entwicklung und Produktion möglich.

 

Gerade Standardisierung und Zertifizierung sind ja Kernaufgaben des VDE. Dabei entstehen Normen in der Informations- und Kommunikationstechnik neuerdings immer öfter in technologischen „Beutegemeinschaften“ – etwa im Mobilfunk. Was bedeutet das für den Verband?

 

Ich habe hier wenig Bedenken. Die Normung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik läuft über die DKE, deren Träger der VDE ja ist. Mit der VDE Global Services GmbH treiben wir die Internationalisierung der Normierung und Standardisierung sowie die sicherheitsrelevante Prüfung und Zertifizierung voran, die aus unserer Sicht immer wichtiger wird.

 

Da mit Ihnen als Präsident seit längerer Zeit wieder ein Wissenschaftler an der Spitze des VDE steht, soll die Wissenschaft auch wieder ganz nach oben auf die Tagesordnung kommen. Was heißt das konkret?

 

Ich möchte unsere Mitglieder dazu motivieren, mehr auf VDE-Tagungen und -Kongressen vorzutragen. Wir werden noch stärker als bisher unsere Tagungen auf gewohnt übergreifend hohem wissenschaftlichen Niveau international ausrichten. Vom Niveau profitiert dann auch der Vortragende, es nützt seiner Reputation.

 

Als Reaktion auf die Internationalisierung der Forschungslandschaft hat die EU ja den Bologna-Prozess angestoßen. Wie steht der VDE zu den hier anstehenden, tief greifenden Veränderungen?

 

Wir würden gerne die Vorteile beider Systeme miteinander kombinieren – also die deutsche Ingenieursausbildung und das angloamerikanische System von Bachelor und Master, anstatt das eine Modell dem anderen einfach überzustülpen. Die Elite-Unis in den Vereinigten Staaten machen es uns ja vor, denn auch hier wird neben der Flexibilität des zweistufigen konsekutiven Studienprogramms auch ein einstufiges Modell angeboten. Und auch bei den Plänen der EU für ein "Promotionsstudium" drohen für Ingenieurfakultäten Fehlentwicklungen. Wenn wir die jungen Ingenieure, die im Rahmen ihrer Promotion an wissenschaftlich aktuellen Themen forschen, zu „Promotionsstudenten“ machen, wird es uns nicht mehr gelingen, die besten Absolventen für eine Promotion zu gewinnen.

 

 

 

    MEHR

      Fehlt etwas?

      Neues Schlagwort

      Bitte registrieren Sie sich.

      HIER

      12 mal gelesen

      0 Kommentar(e)

      http://innovisions.de/beitraege/standardisierung-als-basis/

      Kommentare zu diesem Beitrag

      0 Kommentare