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„Setzen Sie auf Personen und Emotionen“

„Setzen Sie auf Personen und Emotionen“

11. Dezember 2009 — 

Das Selbstverständnis der Wissenschaftskommunikation in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ebenso grundlegend gewandelt wie die Anforderungen, die Politik und Öffentlichkeit an sie stellen. Beginnend mit der „Aufklärung“ in den 50ern in Amerika, dann mit „Public Understanding of Science bis zum heutigen, vermeintlich vertrauensbildenden „Dialog“ zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Über Fortschritte und Misserfolge auf diesem sprach InnoVisions mit Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl, dem Generaldirektor des Deutschen Museums, anlässlich seines Rufs auf den Oskar von Miller Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation an die TU München.

Wenn Sie die vergangenen Jahrzehnte der Wissenschaftskommunikation in Deutschland Revue passieren lassen, Herr Prof. Heckl, was würden Sie dann sagen, in welche Richtung dieser Zug jetzt und zukünftig fährt? Wie geht es weiter?

Wer weiß schon, wohin Reisen genau gehen, wenn die Fahrpläne noch gar nicht geschrieben sind? Ein Teil der Reise geht wohl dahin, Wissenschaft nachhaltig zu personalisieren. Ich selbst etwa wurde von Persönlichkeiten wie Hoimar von Ditfurth, Horst Stern oder Carl Sagan geprägt, beziehungsweise von deren Faszination. Es gibt heute auch charismatische Menschen, die das wunderbar machen. Obwohl wir im naturwissenschaftlichen Studium eigentlich nie etwas über die Kommunikation von Wissenschaft hören. Ganz im Gegenteil! Hier muss sich etwas ändern! Wir müssen neben ethischen Aspekten im Ingenieurstudium eben auch kommunikative Aspekte behandeln. Im Deutschen Museum haben wir zum Beispiel das gläserne Labor.

Apropos „verstehen“: Hier hat ja die Kommunikationsforschung gezeigt, dass die Vermittlung von Wissen nicht zwangsläufig zu mehr Akzeptanz führt. Einige Studien legen sogar den Schluss nahe, die Kenntnisse in der Bevölkerung über wissenschaftliche Themen seien in den letzten Jahrzehnten gestiegen, während das Interesse der Bürger und deren Aufgeschlossenheit gegenüber wissenschaftlichen Abläufen abnimmt…

Wenn in jedem Gespräch jeweils nur einmal dieses Wort ,Vertrauen‘ entsteht, weil ein Besucher dem Wissenschaftler er ins Auge schauen kann, dann haben schon beide Seiten gewonnen. Vertrauen entsteht eben nicht durch Anzeigenkampagnen, sondern durch persönliche, emotionale Wechselwirkung. Da fragt der Bürger etwa: ,Ich habe gehört, Nanotechnologie sei gefährlich, also warum forschen Sie hier darüber, und wie werden meine Steuergelder benutzt, und wieso sind sie als Doktorand drei Jahre hier, und wie läuft überhaupt ein Physik-Studium ab, und worin besteht die Faszination dieser Arbeit?“ Das ist berufsbildend, formt den Nachwuchs. Dialog ist eben nicht, andere einseitig überreden zu wollen, sondern Ihnen Wissen zu vermitteln, das Ihre ganz eigene Entscheidung möglich macht.

Aber wir können ja nun nicht mit jedem Bundesbürger in einen persönlichen Dialog treten… Immerhin haben wir bei uns zumindest 1,4 Millionen Besucher im Jahr. Es reicht schon aus, dieses Prägungserlebnis einmal im Leben zu haben – Wissenschaft als spannend und positiv empfunden zu haben und mit einem Wissenschaftler mal reden zu können.

Trotzdem: Wie kommen wir zu einem gesamtgesellschaftlichen Dialog? Also: Woran soll geforscht werden und warum und mit welcher Intensität und mit welchem Ziel?

Das können Sie nicht so sagen, denn die gesamte Gesellschaft kriegen Sie nie – es sind immer Leute an bestimmten Themen interessiert. Doch es gibt ja Initiativen wie die ,GM Nation‘ in England, die Gen-Food-Debatte. So etwas findet in Deutschland nicht statt. Also breite gesellschaftliche, politische Diskussionen…

Die GMO-Debatte in England wird besonders laut von gewissen Stakeholdern geführt. Auch Chefwissenschaftler Prinz Charles hat sich ja dazu geäußert – mit Betonung auf ,Chefwissenschaftler‘ in Anführungszeichen! Und überhaupt: Wie kann ich eine groß angelegte gesellschaftliche Debatte fordern, wo ich doch weiß, dass die meisten Mitbürger am liebsten Fußball schauen. Fußball ist was Schönes. Ich habe nichts gegen Fußball. Nur erreiche ich diese Leute doch überhaupt nicht. Vielleicht aber erreiche ich sie dann, wenn ich auf interessante Art und Weise etwas biete. Wir können ethische Debatten in hochwertigen Zeitschriften führen wie wir wollen, bleiben dabei aber doch unter uns! Wir müssen Menschen da abholen.

Da grätsche ich dazwischen, Herr Heckl: Viele sagen, dass die Wirtschaftskrise die ohnehin bestehende strukturelle Krise im Medienbereich weiter verschärft. Ist das vielleicht eher eine Qualitätskrise im Wissenschaftsjournalismus? Verdrängt die Krise Wissenschaftsthemen von der öffentlichen oder von der medialen Agenda?

,Science is cool‘ – hat Obama kürzlich gesagt. Leider hat das in Deutschland noch kein Politiker verkündet. Ich denke, das Ganze ist wie ein ,Circulus viciosus‘: Leute interessieren sich nicht so sehr für Wissenschaft und Technik, und Kinder verlieren grundlegende Fähigkeiten – jetzt bieten wir schon Kurse an „Wie flicke ich meinen Fahrradschlauch“ – und die Medien reagieren darauf, natürlich falsch. Wenn in der Berichterstattung den Nobelpreisen pflichtgemäß gerade einmal eine halbe Seite gewidmet wird, dann braucht man natürlich hinterher nicht zu fragen, warum sich die Menschen nicht mehr dafür interessieren. Eine Frage von Ursache und Wirkung.

Was ist denn eigentlich Wissenschaft? Es wird ja immer wieder gesagt, der Schlüssel zum Verständnis von Wissenschaft liege darin, nicht nur deren Ergebnisse zu verstehen, sondern auch deren Prozess, deren Methodik?

Ja, das ist genau, warum wir ,The making of Science‘ im gläsernen Wissenschaftlerlabor im Deutschen Museum vorführen. Es ist ja wunderbar, wenn wir jedes Jahr die Lange Nacht der Wissenschaft machen u.s.w. – aber das ist nicht genug! Wir müssen zeigen, wie Wissenschaft eigentlich geht. Der Prozess ist der Weg, und der Weg ist sozusagen weitaus interessanter als das Reiseziel. Diese Kette aus Entdeckung, Erfindung, Datenaufnahme, Auseinandersetzung mit Kollegen, Naturerkenntnis entsteht ja nicht dadurch, dass ich in ein Mikroskop schaue und rufe ,Oh, jetzt habe ich den Virus entdeckt‘ – nein, so ist es überhaupt nie. Es findet viel zu selten statt, dass das alles eine Kulturleistung ist. Dass Forscher ein sehr erfülltes Leben haben können. Warum schauen wir wohl nicht nur in die Zukunft, im Deutschen Museum, sondern zeigen auch die Vergangenheit? Weil die Vergangenheit aufgehängt ist an Personen – daran, wie die Menschen eigentlich zu ihren Erkenntnissen gekommen sind, die wir heute in einer halben Stunde Vorlesung runterrasseln. Die haben da manchmal ein ganzes Leben dafür gebraucht und innere Kämpfe ausgefochten. Das Spannendste ist die Schnittstelle zum Menschen. Denn es sind die Emotionen, die eine Gesellschaft treiben! Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht inmitten der Gesellschaft, nicht primär nur im Labor.

Was heißt das für Bildung und Lehre? Wissenschaftskommunikation den angehenden Naturwissenschaftlern und auch Lehrern beizubringen, das tun wir zum Beispiel in der ,TUM School of Education‘. Da habe ich ja den Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation übernommen, dessen praktische Arbeit dann am Deutschen Museum stattfindet.

Wie wird das Konzept in die Lehre an der Uni integriert? Weniger als Vorlesungen, sondern eher in Praktikas vor Ort, bei Examensarbeiten und bei Doktor- und Masterarbeiten. Wenn künftig also jemand bei mir in Physik diplomiert und mal hinüber schauen will in diese andere Welt, ins gläserne Labor, dann wird es dafür mehr Möglichkeiten geben. Wir werden Labors einrichten, und mein Experimentalphysiklabor, das ich bisher an der LMU habe, werde ich an die TU übersiedeln, aber mit Standort Deutsches Museum, so dass dort also auch die Forschung gestärkt wird. Forschung Live also, inmitten der Gesellschaft!

Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl, Schüler der Nobelpreisträger G. Binnig und T. Hänsch ist Generaldirektor des Deutschen Museums und erhielt soeben den Ruf auf den Oskar von Miller Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation an die TU München. Kaum ein Wissenschaftler dürfte so hoch und so häufig dafür ausgezeichnet worden sein, Forschung auch einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. So erhielt er 2002 den Communicator-Preis des Stifterverbandes und 2004 den René-Descartes-Preis der Europäischen Kommission (Kategorie „Professional scientists engaged in science communication to the public). Prof. Heckl, Jahrgang 1958, ist von Hause aus Biophysiker. Nach seiner Promotion war Heckl nach Auslandsaufenthalten in Toronto und Tokyo zeitweise in der IBM-Forschung tätig. Nach seiner Habilitation an der LMU München nahm er einen Ruf auf eine Professur für Experimentalphysik im Department für Geowissenschaften der LMU an. Noch im selben Jahr erhielt er den hochdotierten Philip- Morris-Forschungspreis für seine Arbeiten zur Strukturaufklärung von DNA-Basen. Für das Schreiben eines „atomaren Bits“ steht Heckl außerdem im Guinness-Buch der Rekorde („Kleinstes Loch der Welt“).

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