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Musizieren mit Multi-Touch

Fraunhofer-App macht iPad und Co. zum Musik- und Kompositionsinstrument für Instrumentalprofis, Hobbymusiker und Anfänger

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Marktreife2010

02. September 2010 — 

Tonika – Subdominantparallele – Dominante – Tonika: die Mozart-Kadenz. Niedergeschrieben nach den Grundlagen der Harmonielehre erschließt sich das von Mozart in seinen Werken so geschätzte Klangmuster nur demjenigen, der eine Ausbildung in der Musiklehre durchlaufen hat. Dieselbe Akkordfolge vom Pianisten oder einem ganzen Orchester gespielt, wird dagegen vom Hörer als angenehm harmonisch empfunden – völlig unabhängig von seinem musiktheoretischen Wissen. Variationen der unterschiedlichen Kadenzen der Harmonielehre sind nicht nur in der Klassik das Grundgerüst musikalischen Schaffens, sondern sie sind auch die zentralen Klangbausteine von Rock- und Popsongs bis hin zum Handyklingelton: Die schrittweise Abfolge der Akkorde in einem Spannungsbogen vom Grundklang einer Tonart über die dazu harmonisch verwandten Tonfolgen wieder zurück zum klanglich entspannten Ausgangspunkt ist ein allgegenwärtiges Rezept für eingängige Melodien und wohlklingende Akkordsequenzen. Für die meisten Hörer bleibt sie jedoch ein Geheimrezept. Denn um zu verstehen, wie sich solch ein musikalischer Genuss gezielt erzeugen lässt, ist eine intensive Beschäftigung mit der Klanglehre eine zwingende Voraussetzung. Selbst ambitionierte Hobbymusiker, die über Jahre hinweg ein Instrument erlernen, beschränken sich meist darauf, fertige Musikstücke vom Notenblatt wiederzugeben. Ihr Zugang zur Musik ist die Notensprache. Diese reicht aber nicht aus, um Klangmuster einfach und schnell erkennen zu können. Je nach Notenschlüssel der Partitur und der Grundtonart eines Musikstücks ergibt die gleiche Abfolge von Akkorden nämlich ein sehr unterschiedliches Notenbild. Auch beim Spielen, etwa auf einem Klavier, ist die Wiedergabe ein- und desselben Klangmusters nicht ganz einfach, wenn sich der Ausgangston und damit die Tonart verändert. Denn auch die Zusammensetzung der anzuschlagenden weißen und schwarzen Tasten der Tonleiter ist dann jeweils eine andere. Für Hobbymusiker und noch mehr für Anfänger auf einem Instrument ist es insofern kaum möglich, selbst kreativ zu werden und zielgerichtet eigene Musikstücke zu komponieren.

Einen neuartigen Zugang zur Harmonielehre ermöglicht ein am Fraunhofer IDMT entwickeltes Musik- und Kompositionsinstrument. Kernelement des „SoundPrism“ ist ein Softwaresystem, in dem das Wissen und die Methoden der Musiktheorie von einem interdisziplinären Team aus Musikwissenschaftlern, Didaktikern und Softwarespezialisten so aufbereitet wurden, dass sie auch ohne jegliche musiktheoretische Vorkenntnisse genutzt werden können. Als Instrument selbst verwenden die Entwickler ein multitouchfähiges Display, auf dem als Benutzeroberfläche Linien und darauf angeordnete Berührungsflächen angezeigt werden. Gespielt wird mit einem oder mehreren Fingern. Durch Berührung des Displays werden Akkorde erzeugt. Durch Veränderung der Finger zueinander und die Bewegung der Finger auf dem Display werden Tonhöhe und Akkordfolgen variiert. Der Spieler erzeugt mit dem elektronischen Instrument auf diese Weise Klangmuster, die automatisch den Regeln der Harmonielehre folgen. Mit dem Zurückkehren der Displayberührung in die Ausgangsposition entstehen vollständige Kadenzen, wie sie von der Klassik bis zur Unterhaltungsmusik die Grundlagen für Kompositionen bilden. Intuitiv erlebt der Spieler die klangliche Wirkung verschiedenster Harmoniefolgen und ist bereits nach kurzer Zeit in der Lage, wohlklingende Musikstücke nach seinen eigenen Vorstellungen gezielt zu gestalten.

Für den Aufbau des zugrundeliegenden Softwaresystems nutzten die Entwickler am Fraunhofer IDMT vorangegangene Projektforschungen zur wissenschaftlichen Analyse musikalischer Werke. Dazu wurden das theoretische Wissen und die unterschiedlichen Methoden der Harmonielehre in Algorithmen überführt, die es ermöglichen, Musikstücke in Klangsequenzen aufzuteilen und die verwendeten Kadenzen und Modulationen zu bestimmen. Bei ihrem Musik- und Kompositionsinstrument verwenden die Fraunhofer-Forscher diese elektronische, musiktheoretische Methodenbasis nun in umgekehrter Richtung und verwandeln den Input des Spielers in harmonische Klangmuster. Die Bedienung der Software ist grundsätzlich auch über Tastaturbefehle oder Mouse-Bewegungen möglich. Bereits in der Entwicklungsphase hat sich jedoch gezeigt, dass für eine unkomplizierte, intuitive Nutzung am besten eine berührungssensitive Oberfläche geeignet ist. Eine erste prototypische Umsetzung erfolgte mit Komponenten professioneller Studioausstattung für Discjockeys und Komponisten. Dies hatte allerdings zur Folge, dass damit der Geräteaufbau komplex und teuer wurde. Mit dem Verkaufsstart des iPad von Apple sowie dem zunehmenden Angebot an multitouchfähigen Smartphones und MP3-Playern sind inzwischen die technologischen Voraussetzungen gegeben, um das elektronische Musik- und Kompositionsinstrument der Fraunhofer-Entwickler einem breiten Nutzerkreis zugänglich machen zu können. Von der Audanika GmbH, einem neu gegründeten Spin Off des Ilmenauer Instituts, werden entsprechende Applikationen entwickelt und als Software-Download über den Applikation-Store der Gerätehersteller vertrieben.

Das „SoundPrism“ ist für unterschiedlichste Zielgruppen und Anwendungsbereiche geeignet. Es lässt sich als reines Musikinstrument verwenden, um improvisatorisch darauf zu musizieren. Gleichzeitig ist es ein Kompositionsinstrument, das es auch musikalischen Laien ermöglicht, in kurzer Zeit eigengestaltete Musikstücke zum Beispiel als Hintergrundmusik für selbsterstellte Videos oder Diashows zu kreieren. Zusätzlich ist das elektronische Musik- und Kompositionsinstrument ein geeignetes Werkzeug für die musikalische Ausbildung an Schulen, im Instrumentalunterricht und an Musikhochschulen. Die einzelnen Elemente der Harmonielehre können damit vom Spieler selbst „entdeckt“ werden. Die dabei erst einmal verborgene Theorie der Erzeugung von harmonischen Klangmustern lässt sich dann jederzeit auch auf dem Bildschirm anzeigen: als Akkordfolge in Form von Kadenzen. Geplant ist zudem eine funktional erweiterte Version der Software-Applikation, die auch den erhöhten Anforderungen an ein Kreativwerkzeug für Profimusiker und Komponisten gerecht wird.

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