Mit Bits und Bytes beim Bäcker

Wie unterschiedlich Unternehmerinnen und Unternehmer mit „Wissen“ umgehen, zeigt das Buch „Wissensg’schichten“ des WIFI Unternehmerservice der Wirtschaftskammer Österreich. Vorgestellt werden Best-Practice-Ansätze, mit denen kleine und mittels

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Technik-Experte trifft auf Erzeuger: Es motiviert, zu wissen, wie Bio-Produkte entstehen und was sie besonders macht.

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23. März 2009 — 

Wien – WIFI Unternehmerservice – Eigentlich ist Martin Scharf Experte für Automationstechnik. Jahrelang hat er in unterschiedlichsten Bereichen der Elektroindustrie gearbeitet und Erfahrungen unter anderem in der Qualitätssicherung gesammelt. Trotz dieses grundlegenden Wissens aber war es für ihn nicht leicht den „Schalter“ umzulegen, als er vor rund acht Jahren im Unternehmen fab4minds Softwareprodukte für kleine und mittelständische Unternehmen der Lebensmittelbranche zu entwickeln begann. Und das hat einen Grund: „Wenn bei einer Schraube die nötigen Qualitätskriterien erfüllt wurden, dann ist das abgeschlossen und unveränderbar. Im Lebensmittelbereich ist das anders. Die saftigste Wiese, die gesündeste Kuh, die beste Molkerei nützt nichts, wenn der Joghurt beim Transport in der Sonne steht. Dann war die ganze Qualitätssicherung umsonst“, erklärt er. Allein deshalb sei die permanente und betriebsübergreifende Begleitung eine große Herausforderung für die Entwicklung einer Software, die von der Weide bis zum Bioladen oder sogar dem Discounter Qualitätssicherung gewährleisten soll. Meistern könne man diese nur, wenn man die produzierenden und verarbeitenden Betriebe von innen heraus und mit all ihren Ansprüchen, Problemen und Aufgabenbereichen kennengelernt habe. Kundenwissen sei Know-how, das als Erfahrungswerte in das Unternehmenswissen mit aufgenommen werden sollte.

Seit er gemeinsam mit dem IT-Experten Harald Falkner die fab4minds Informationstechnik GmbH im Niederösterreichischen Waldviertel gründete, hat er sich deshalb zur Aufgabe gemacht, den engen Kontakt zu Betrieben der Lebensmittelbranche zu suchen. Nicht, um als Vertreter seine Softwarelösungen zu präsentieren, sondern um Wissen zu sammeln. „Wenn ich bei einem bestimmten Kundenstamm erfolgreich sein möchte, muss ich seine Anliegen verstehen und seine Sprache sprechen“, betont Scharf. So erfahre er „wo es brennt, wo etwas fehlt oder wo man etwas verbessern könnte.“ Dieses Wissen analysiere er anschließend, um neue Trends zu erkennen, bei denen die unternehmerischen Chancen viel versprechend sind. Nur auf diese Weise, ist Martin Scharf überzeugt, lassen sich unternehmerische Nischen finden, die einzigartig sind: „Wir achten bei der Marktentwicklung auf den Bedarf, der offensichtlich nicht bedient wird. Damit können wir unser Wissen frühzeitig erweitern und an zukunftsträchtigen Lösungen arbeiten.“ Dank dieser Philosophie hat der Geschäftsführer auch den Trend zu Bio, der den Lebensmittelbetrieben und -unternehmen zweistellige Wachstumsraten brachte, vorausgesehen. Für ihn war klar, dass damit die durchgängige Kontrolle über den Weg der Lebensmittel stärker in den Vordergrund rücken würde und dafür eine Software gebraucht werde, mit der die logistische Abwicklung, Rückverfolgbarkeit und Qualitätssicherung der Lebensmittel erleichtert wird.

Das persönlich gesammelte Wissen ist aber nur ein Teil des Erfolgs, der das Unternehmen europaweit zum Technologieführer im Bereich Lebensmittel-Qualitätssicherung gemacht hat. Entscheidend – so Scharf - sei auch, dieses Wissen mit den Mitarbeitern zu teilen. Allerdings setzt er dabei kaum auf „klassische Methoden“ wie Briefing oder Meetings, um seine mittlerweile neun Angestellten zu informieren.“ Ein Softwareentwickler muss den Kunden tatsächlich kennen gelernt haben, um die Aufgabe und die Verantwortung, die damit verbunden ist zu erfassen“, meint er. Schreibtisch und Computer seien dafür ein denkbar ungeeigneter Ort. Deshalb nimmt Scharf einzelne Mitarbeiter regelmäßig mit zu Kundenbesprechungen. Zum Müller und Bäcker „nebenan“ ebenso wie zu den Verantwortlichen einer Discountkette. „Es ist ein großer Unterschied, ob ich einen Elevator lediglich als Beförderungsmittel, um Getreide von einem Stock in den andern zu transportieren, beschreibe. Oder ob der Programmierer das Gerät, für das er beispielsweise eine Steuerung entwickeln soll, vor Ort kennengelernt hat: Anschauung vermittelt praktisches Wissen schneller, erfolgreicher und nachhaltiger.“ Zudem sei es ein wichtiger Motivationsfaktor zu wissen, für wen man warum arbeitet. Aber die Geschäftsführer von fab4minds wissen natürlich auch um den Wert der fachlichen Fortbildung.Dafür nutzen sie – für sich und die Mitarbeiter - regelmäßig Schulungen, Seminare und Fachliteratur. „Auf diese Weise können wir unser theoretisches Wissen up-to-date halten und möglichst genau auf praktische Anforderungen übertragen“, betont Scharf. Es sei von hohem unternehmerischem Stellenwert sowohl theoretisches wie auch praktisches Wissen immer wieder neu zu generieren und beides auf allen Ebenen eines Betriebs zusammenzufügen.

Wie wichtig es ist, Wissen sinnvoll zu verwalten und es gezielt für den Unternehmenserfolg zu nutzen, zeigt sich nicht nur bei der fab4minds Informationstechnik GmbH. In ganz Österreich (und darüber hinaus) finden sich Betriebe, die erkannt haben, dass Wissen den Erfolg eines Unternehmens bestimmt. 24 weitere Beispiele hat die österreichische Wirtschaftskammer nun gesammelt und in dem Buch „Wissensg’schichten“ veröffentlicht. Berichtet wird über neue Wege im Umgang mit Wissen. Mit Reportagen und Interviews soll nicht nur die Sensibilität gegenüber der Wissens-Perspektive gesteigert werden. Die „Wissensg’schichten“ sollen auch zeigen, dass es „am Anfang darum geht, zu wissen, was man weiß. Erst dann stellen sich die Fragen, wie neues Wissen aufgebaut und weiter gegeben werden kann oder wie man sicher stellt, dass wichtiges Wissen auch angewendet wird.“ Die vorgestellten, meist kleineren Unternehmen stehen dabei stellvertretend für unterschiedlichste Wissensbeispiele aus der unternehmerischen Praxis: vom Tischler, der seinen Wissensschatz bereits Schulkindern zur Verfügung stellt über ein Prüftechnikunternehmen, das aus seinen Mitarbeitern Fachexperten macht bis hin zu einem Ökologieinstitut, das jedes Quartal einen Tag investiert, um gemeinsames Wissen bestmöglich zu dokumentieren. Das 128 Seiten umfassende, kleinformatige Buch ist mit Unterstützung des österreichischen Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend entstanden und im Rahmen einer Schriftenreihe des WIFI Unternehmensservice erschienen. Es kann kostenfrei bestellt werden. Als Teil der Wirtschaftskammer Österreich bereitet das WIFI Unternehmerservice Themen auf, die für Unternehmen in Zukunft wichtig werden. Neben dem Angebot an Veranstaltungen und Publikationen steht das Entwickeln und Koordinieren von geförderten Beratungsprogrammen mit Kofinanzierungspartnern im Mittelpunkt seiner Aufgaben.

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