Grenzenlos versorgt

Einheitliche Übersetzungsstandards sollen den Austausch von Patientendaten zwischen europäischen Gesundheitssystemen ermöglichen

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Inno Visions 04-2009 Grenzenlos versorgt Keyvisual

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10. Dezember 2009 — 

In einem Land wohnen und im Nachbarland dem Beruf nachgehen: Für viele Europäer ist dies längst selbstverständlich geworden. So hat sich die Zahl der so genannten „Grenzpendler“ zwischen Deutschland und den Niederlanden in den letzten Jahren auf rund 20.000 Menschen verfünffacht. Und rund 3.000 Menschen pendeln regelmäßig zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark, weil sie in dem einen Land leben und dem anderen arbeiten. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Europäischen Union, den Bürgern eine länderübergreifende Mobilität zu ermöglichen. Doch während EU-Bürger mittlerweile nahezu problemlos von einem europäischen Land in das andere fahren können, machen wichtige Informationen zur individuellen Gesundheitsfürsorge an der Grenze halt. So ist es nicht selbstverständlich, dass ein Arzt, dessen Patient in Aachen lebt, mit einem Kollegen in Maastricht, wo der Patient arbeitet, im Notfall schnell alle wichtigen Patientendaten austauscht. Das ist nicht nur ineffizient, sondern unter Umständen auch gesundheitsbedrohlich. Denn im Falle eines medizinischen Notfalls kann der Patient nicht adäquat behandelt werden, weil die jeweilige Patientengeschichte im Ausland nicht verfügbar ist. So weiß der Arzt in Maastricht dann beispielsweise nichts über eine möglicherweise chronische Erkrankung und die Verschreibung entsprechender Medikamente. Um Fehler in der Behandlung zu vermeiden, müssten also auch dem behandelnden Arzt im Ausland alle relevanten Informationen möglichst sofort zur Verfügung stehen – und zwar in seiner Landessprache und unter Nutzung des landesspezifischen Codesystems. Denn der Informationsaustausch zwischen Ärzten und Kliniken innerhalb der EU wird vor allem dadurch erschwert, dass fast jedes Land mit anderen Methoden arbeitet, um bestimmte Krankheitsbilder zu codieren, Medikamente und Einnahmevorschriften zu beschreiben oder den Datenschutz zu gewährleisten. So könnte es beispielsweise sein, dass Schläfenlappenepilepsie in Deutschland durch einen bestimmten Zahlencode dargestellt wird, während dasselbe Krankheitsbild in Italien durch eine vollständig andere Bezeichnung interpretiert wird. Hinzu kommt, dass nicht alle Länder grundsätzlich mit einem Codierungssystem arbeiten beziehungsweise die jeweiligen Systeme erst im Aufbau sind und nur ein Teil der möglichen Diagnosen und Therapien abdecken: In Deutschland etwa wird derzeit eine Plattform spezifiziert, die Anwendungen wie die digitale Patientenakte oder Unverträglichkeitsprüfungen organisieren soll. Auch ist die Bezeichnung von Wirkstoffen von Land zu Land oftmals unterschiedlich.

Damit im Bedarfsfall (und sofern der Betroffene einverstanden ist!) künftig alle relevanten medizinischen Informationen europaweit zur Verfügung gestellt werden können, hat die Europäische Gemeinschaft im vergangenen Jahr das Projekt „Smart Open Services for European Patients“ (epSOS) ins Leben gerufen. Beteiligt sind insgesamt zwölf EU-Staaten und 27 Projektpartner aus Forschung, Politik und Wirtschaft. Auf deutscher Seite sind neben dem Fraunhofer ISST noch das Bundesministerium für Gesundheit, die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (gematik) und das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung involviert. Ziel des Projekts ist es, den Austausch grundlegender Patientendaten und elektronischer Verschreibungen zwischen den nationalen Gesundheitssystemen Europas möglich zu machen. Im Falle eines medizinischen Notfalls sollen europäische Bürger damit künftig länderübergreifend eine optimale Versorgung erhalten.

Durch epSOS werden die nationalen Gesundheitssysteme aber nicht einfach vereinheitlicht. Denn dies wäre aufgrund der länderspezifischen Vorstellungen zum Gesundheitssystem kaum umsetzbar. Vielmehr wird ein System konzipiert, das als eine Art „Übersetzer“ zwischen den Ländern dienen kann - es wird wie ein Transmitter zwischen die nationalen Gesundheitssysteme geschaltet. So wird dieser Transmitter über ein normiertes und transnationales Codesystem zur Medikamentenbezeichnung verfügen. Das Rezept eines deutschen Grenzpendlers, das ein Arzt in Dänemark kennen sollte, weil der Pendler hier einen Unfall erlitten hat, wird also zunächst in dem neuen transnationalen Standard abgebildet und dann so „übersetzt“, dass es den in Dänemark üblichen Beschreibungen entspricht. Dafür müssen die in den jeweiligen Ländern vorhandenen Architekturen der benutzten technischen Systeme bekannt sein und im System verarbeitet werden. Die größte Hürde besteht darin, dass die unterschiedlichen Codierungen und Bedeutungen verstanden und eindeutig in das andere Gesundheitssysteme werden können. Zudem müssen die Forscher gewährleisten, dass sämtliche Sicherheitsvorschriften der beiden jeweils betroffenen Länder beachtet werden und die sensiblen Patientendaten ausschließlich den autorisierten Ärzten zugänglich sind.

Das Projekt soll bereits im kommenden Jahr so weit fortgeschritten sein, dass es technisch umgesetzt werden kann. Bereits im Jahr 2011 könnte es dann in den beteiligten Ländern im Rahmen von Pilotprojekten eingesetzt werden.

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