nicht angemeldet
Gesundheitstelematik: Der Markt für elektronische Akten konsolidiert sich
Gesundheitstelematik: Der Markt für elektronische Akten konsolidiert sich
194

© —
Medien zu diesem Beitrag
-
Dr. Wolfgang Deiters, Jahrgang 1961, promovierte an der TU Berlin in Informatik und ist seitdem am Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST tätig. Seit 2001 leitet er den Dortmunder Institutsteil des Fraunhofer ISST, seit 2006 ist er darüber hinaus stellvertretender Institutsleiter. Wissenschaftlich verantwortet er die strategische Ausrichtung des Leitthemas „Informationslogistik“. Deiters versteht Informationslogistik als bedarfsgerechte und personalisierte
Informations- und Diensteversorgung von Individuen und Gruppen sowie als effizientes Informationsflussmanagement in Geschäftsprozessen. Das Fraunhofer ISST entwickelt informationslogistische Lösungen in den Geschäftsfeldern Ambient Assisted Living, eHealthcare und Insurance & Finance. © ISST
Im Gesundheitswesen sind viele Bürger verunsichert. Ärzteverbände kritisieren die geplante IT-Infrastruktur für den Gesundheitssektor seit Jahren aufs Schärfste. Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung kündigt eine Überprüfung an, wobei die Einführung der Gesundheitskarte in den Pilotbezirken nun doch wie geplant stattfindet. Dass nicht alle Aktivitäten in diesem Umfeld ins Stocken kommen, zeigte sich vor kurzem auch auf der Fachmesse „Medica“ in Düsseldorf: Dort wurde eine Kooperation der beiden Projekte „Fallakte“ und „EPA2015“ angekündigt. Über die Details sprach InnoVisions mit Dr. Wolfgang Deiters, stellvertretender Leiter des Fraunhofer ISST in Dortmund.
Herr Dr. Deiters, können Sie uns dabei helfen, den Dschungel aus digitalen Gesundheits-, Patienten- und Fallakten zu lichten? Welchen Nutzen haben die einzelnen Systeme im Vergleich?
Nicht alle diese Aktensysteme werden sich am Ende gleichermaßen durchsetzen. Doch jedes Konzept hat seine Zielrichtung und damit seine Daseinsberechtigung. Derzeit unterscheidet man vor allem vier Aktentypen: Zum einen die „institutionelle Patientenakte“ (iEPA), in der Patientendaten lokal in der jeweiligen Praxis bezichungsweise dem Krankenhaus gespeichert werden, dann die einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte (meist als EPA bezeichnet) und zum dritten die elektronische Fallakte eFA, in der alle zu einem bestimmten Behandlungsfall eines Patienten gehörenden Daten gespeichert werden. Im Gegensatz zu den ersten beiden Typen, die in der Regel als lebenslange Akten angelegt werden, wird die eFA nach Genesung eines Patienten wieder gelöscht. Die vierte Aktenform ist die elektronische Gesundheitsakte (EGA) – im Prinzip eine EPA, in die aber nicht nur Ärzte Daten eingetragen können, sondern beispielsweise auch andere Inhalte wie die Resultate vom Fitnesstraining aufgeführt werden können. Alle Akten dienen hauptsächlich der besseren Kooperation von Ärzten unterschiedlicher Einrichtungen während einer Behandlung. Dass sich der „Aktenmarkt“ konsolidiert, sieht man ganz aktuell an einer gerade auf der Medica vereinbarten Kooperation zwischen der EPA 2015 und der elektronischen Fallakte. Beide Initiativen wollen in Zukunft auf eine einheitliche technische Basis und Semantik ihrer Akten setzen, um eine Interoperabilität zu erreichen. Das wird insbesondere der Industrie die Einbettung der Akten in ihre Softwaresysteme erleichtern, denn sie muss die entsprechenden Komponenten nur einmal installieren und warten.
Aber die Diskussionen um die zukünftige Telematik- Infrastruktur, die elektronische Gesundheitskarte und auch andere Projekte in diesem Umfeld hören nicht auf. Immer wieder andere Organisationen fordern aus unterschiedlichsten Gründen eine Überprüfung oder Einstellung. Wie wirkt sich dieser Widerstand auf die genannten Projekte aus?
Eigentlich gar nicht: Die Gesundheitstelematik liefert eine gesicherte Infrastruktur für die Kommunikation zwischen Leistungserbringern. Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) bietet eine einfache und eindeutige Identifikation und Verschlüsselungstechnik für die Versicherten. Ärzte und andere Leistungserbringer könnten über den geplanten Heilberufeausweis (HBA) authentifiziert werden. All das könnte man für Aktensysteme wunderbar nutzen – muss man aber nicht. Im Projekt eFA wurde explizit ein Migrationskonzept vorgesehen. Die Spezifikation ist vollkommen unabhängig von der Existenz der Gesundheitstelematik, allerdings können eGK und HBA sofort genutzt werden, sobald diese verfügbar sind. Die eFA braucht zur Identifikation eines Patienten nur einen „Schlüssel“, den der Patient bei sich trägt und den er aus Eigeninteresse sichert. Für die EPA sieht dies etwas schwieriger aus. Anders als bei der eFA gibt es keinen festgelegten Kreis von Leistungserbringern, die auf die EPA zugreifen, so dass nicht von einer Vernetzung der Beteiligten ausgegangen werden kann. Hier wäre die eindeutige Identifikation über eGK ein großer Vorteil, da dann Umzüge oder Namensänderungen kein Problem mehr wären. Aber wenn gewollt, lässt sich auch eine EPA komplett ohne die Telematik-Infrastruktur einführen und betreiben.
Wie sieht Ihre Prognose für die Patienten- und Fallakte aus?
Wir erwarten, dass der eFA-Standard, also die Technologie hinter der elektronischen Fallakte, die Kommunikationslösung für das Gesundheitswesen in Deutschland wird. Dies bedeutet nicht, dass es keine Patientenakten oder keine Gesundheitsakten geben wird - wie schon erläutert, handelt es sich um unterschiedliche Aufgaben. Wir erwarten aber auch, dass der eFA-Standard auch zu einer Interoperabilität bei Patientenakten beiträgt. Außerdem hoffen wir, dass sich über die eFA-Initiative auch eine informale Bündelung der Industrie ergibt. Drittens könnte es dazu kommen, dass ein zusammenwachsendes Europa mit immer mobileren Bürgerinnen und Bürgern, wie zum Beispiel Grenzgängern unter den Arbeitnehmern, auch wachsende Anforderungen an die Vernetzung von Aktensystemen unterschiedlicher Länder ergibt. Das eFA-Projekt synchronisiert sich aktuell sowohl mit Österreich als auch der Schweiz. Zusammen mit den Bemühungen des VHitG und von EPA 2015 werden sich wahrscheinlich weitere Dokumentenformate wie das HL7-CDA-Format für den eArztbrief Verbreitung finden. Dann ist ein sicherer und patientenbestimmter Datenaustausch auf Basis von eFA-Technologien nahe. Welche Rolle spielt das Fraunhofer ISST in diesen Projekten? Das Projekt eFA wurde 2006 begonnen. Mit der Entwicklung der Spezifikation für die eFA wurde das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik beauftragt. Wir sind damit der IT-Architekt für den eFA-Standard, den alle Partner gemeinsam nun bundesweit zur behandlungsprozessbegleitenden Kommunikation etablieren wollen. Für uns war und ist die eFA aus drei Aspekten wissenschaftlich interessant: Erstens geht es um eine komplexe Architektur, die in der letzten Ausbaustufe ein sicheres, deutschlandweites Peer-to-Peer-Netzwerk umfasst, in dem alle Partner autonome Stellen repräsentieren. Zweitens geht es um ein komplexes Sicherheitssystem, das sowohl mit einer entsprechenden Architektur unterstützt werden muss, aber auch eine Fülle von Einzelfragen stellt, die gelöst werden müssen. Zum Dritten geht es aber auch um die optimale Prozessunterstützung in einer ganz speziellen Domäne mit einzigartigen Anforderungen. Neben unseren Erfahrungen und technischen Lösungen war sicherlich auch die Unabhängigkeit von Herstellern oder anderen Faktoren ein wesentlicher Punkt dafür, das ISST zu beauftragen. Mit Fraunhofer als Partner konnten die Vertreter des stationären Sektors. also der jetzige Verein elektronische FallAkte, sicher sein, dass die Vermittlung zwischen ihren Anforderungen und den von den Herstellern genannten technischen Grenzen alleine anhand prüfbarer Fakten gesteuert wurde und wird.
194 mal gelesen

Aktuelle Themen









Nach Oben
0 Kommentar(e)