Forschungspolitik nach Lieschen Müller

Kolumne "Kochbuch"

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Kolumne | Kochbuch | Prof. Günter Koch

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03. Juli 2009 — 

Der legendäre österreichische Bundeskanzler Kreisky fauchte einmal einen Journalisten an: „Lernen Sie Geschichte!“ Denn aus der Geschichte könne man fundamentale Erkenntnisse ziehen. Das Zitat kam mir kürzlich in Budapest bei einer Tagung des „European Institute of Technology“ (EIT) in den Sinn, bei der es um eine neue, netzwerkartige „Fakultät für Informatik“ ging. Leider kommen solche hochmütigen Projekte genau so zustande, wie Lieschen Müller sich das vorstellt: Im Fall des EIT war es der naive Einfall des Kommissionspräsidenten José Durao Barroso, das Kommissionsgebäude in Straßburg einer neuen Verwendung für eine europäische Technologieuniversität zuzuführen. Durch eine Kopie des MIT soll eine industriekooperative F&E – die Fraunhofer übrigens schon längst beherrscht – endlich auch in Europa den nicht funktionierenden Transfer aus den Forschungsprogrammen in die Praxis beleben.

Jetzt zur geschichtlichen Analogie: 1990 reiste der damalige Präsident des französischen Computerkonzerns Bull, Jacques Stern, in die USA und lernte dort das Software Engineering Institute (SEI) kennen. Zurück aus den USA, regte Stern bei seinem Freund, dem damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors an, dass dieser ein solches Institut auch in Europa einrichten solle, woraus dann tatsächlich 1993 das European Software Institute (ESI) wurde. Man studiere heute, was aus diesem Projekt geworden ist, oder besser, was die Politik daraus gemacht hat, um ein potentielles Debakel mit der Kopfgeburt EIT zu vermeiden! Auf der Suche nach alternativen Modellen bin ich allerdings auch nicht auf sehr überzeugende Konzepte gestoßen. Neben der klassischen Methode des Lobbyismus der wirtschaftlich Mächtigen fiel mir nur die Guerillamethode der wissenschaftlichen Community ein: Einige anerkannte Wissenschaftler generieren zu einem zunächst vielversprechend erscheinenden Thema „von unten nach oben“ Aufmerksamkeit, indem sie Beamte davon überzeugen, dass die vorgetragenen Ideen den Kern zu wettbewerbsbefähigenden F&EProgrammen besitzen, die nur leider selten zu den prognostizierten Ergebnissen führen. Beispiele des Scheiterns sind der deutsche Supercomputer, künstliche Intelligenz (in ihrer ursprünglichen Definition), Softwaretechnologie für die Web 2.0- Generation, Elektrofahrzeuge, Weltraumtechnik… Forschungspolitik bedeutet eben auch, die Zahl der Optionen, also möglicher Forschungsansätze, zu erhöhen, von denen dann die besten uns einmal zu den Besten auf den Weltmärkten machen werden. Das gilt, so lange für diese Versuchs- und Irrtums- Strategie genug Geld da ist. Besagte Negativbeispiele demonstrieren, dass wir in einer Zeit, in der neue Netzwerke in Wissenschaft und Forschung virulent und produktiv werden – Stichworte sind die virtuelle Forschung und globalisierte Universitäten – auch neue Modelle der institutionellen Forschung erfinden müssen. Auch das ist eine geschichtliche Erfahrung: Zeiten des finanziellen Stresses sind Zeiten, in denen sich die Forschung und die Art, wie sie gemacht wird, neu erfinden muss. Wie gesagt: „Lernen Sie Geschichte!“

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