Einkauf mit großer Geste

Interaktives Schaufenster als 24-Stunden-Shop

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© Fraunhofer HHI — 

Gestensteuerung durch eine Schaufensterscheibe hindurch

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Marktreife2012

30. Mai 2011 — 

Es ist ein Stück grundlegende Sicherheit im Alltag, die vielen Kunden wichtig ist: Sie kaufen bei einem Händler am Ort. Sie wissen dann, wer ihr Geschäftspartner ist und auch wo und wie er sein Geschäft betreibt. Auf die zusätzlichen Vorteile, die ein Kauf im Internet bietet, brauchen sie dabei künftig nicht mehr verzichten. Berührungslos bedienbare Großdisplays könnten die Schaufenster der Innenstädte zu rund-um-die-Uhr geöffneten Online-Shops mit einem umfassenden Sortiment machen. Gefällt oder passt einmal etwas nicht, genügt ein Besuch beim Händler vor Ort.

Die Fußgängerzone der City nach Ladenschluss: Den flanierenden Passanten bleibt nur noch die Möglichkeit zum „Window-Shopping“, der Blick durch die Schaufensterscheibe auf die wenigen dort präsentierten Waren aus dem Angebot der Händler. Aber auch während der Öffnungszeiten können Geschäfte die Wünsche ihrer Kunden oft nicht auf Anhieb erfüllen. Ein umfangreiches Lager mit der ganzen Vielfalt an Produktvarianten lässt sich in den teuren Innenstadtlagen in der Regel kaum mehr wirtschaftlich vorhalten. Immer mehr Kunden nutzen für ihre Einkäufe daher von vorneherein die Shopping-Angebote im Internet oder bestellen nach einem vergeblichen Besuch beim Händler in der City das Produkt in ihrer Wunschfarbe oder  ausstattung bei einem Online-Händler. So verzeichnete der Bundesverband des Deutschen Versandhandels bei seinen Mitgliedern im vergangenen Jahr eine Umsatzsteigerung von 4,1 Prozent gegenüber 2009 bei einer Umsatzsumme von 30,3 Milliarden Euro. Mehr als 60 Prozent der Deutschen kaufen inzwischen zumindest ab und zu per Maus-Klick. Sie nutzen dabei allerdings fast ausschließlich die Angebote deutscher Internethändler. Diese können laut dem E-Retail-Report 2010 der Deutschen Bank einen Anteil von 98 Prozent aller Online-Käufe für sich verbuchen.

Ergebnisse wie diese machen aber auch deutlich, dass die Kunden großen Wert darauf legen, dass sie ihrem Kaufmann auch vertrauen können. Und, dass sie – wenn etwas nicht so abläuft wie es soll – ihre Rechte einfach und sicher wahrnehmen können. Nachkommen kann diesem Wunsch letztlich nur ein Händler mit eigenem Ladengeschäft in der City. Sein Kundenservice ist in der Regel kaum zu toppen. Denn wo und wer auch immer das Geschäft betreibt, er kann jederzeit „live“ in Augenschein genommen werden. Zudem lässt sich im Falle eines Umtausches, einer Rückgabe oder einer Reklamation die Sache von „Angesicht zu Angesicht“ regeln. Und die Ladengeschäfte vor Ort haben noch weitere essenzielle Vorteile auf ihrer Seite: Nur in den Geschäften lässt sich die Ware vor einem Kauf in realer Größe und Form tatsächlich er- und begreifen. Selbst der Eindruck von der Optik der realen Waren, den Passanten durch den Blick durch die Schaufensterscheibe hindurch erhalten, ist dem Einkaufserlebnis am Bildschirm dabei noch weit überlegen. Abbildungen auf einem Bildschirm können schwerlich ein gleichwertiger Ersatz für die Präsentation realer Waren in der Auslage sein.

Damit Kunden künftig die Vorzüge realer Verkaufsstätten und gleichzeitig auch die komfortable und zeitunabhängige Auswahl, wie sie nur im Online-Shopping verfügbar ist, nutzen können, entwickelten die Forscher am Fraunhofer HHI ein interaktives „Window-Shopping-System“. Die Auslage des Schaufensters wird dazu um ein Display ergänzt, an dem die Passanten zusätzliche Informationen zu den Produkten abrufen und ihre Wunschprodukte bestellen können. Das Besondere dabei: Das komplette System befindet sich sicher geschützt hinter der Schaufensterscheibe. Die gesamte Bedienung der Bildschirmanzeige erfolgt berührungslos durch Gesten des Betrachters. Dazu sind zwei Kameras installiert, die kontinuierlich die 3D-Positionen der Personen im Bereich direkt vor der Schaufensterscheibe erfassen. Auf dem Display gezeigte Waren oder Symbole können per Fingerzeig ausgewählt werden. Der Passant verweilt dazu einen Augenblick mit ausgestrecktem Arm auf dem Bildschirmelement. Eine Bilderkennungssoftware wertet im Hintergrund laufend die Aufnahmen der Stereokameras aus und erkennt die Position des Fingers des Benutzers. Dadurch wird auf das entsprechende Element auf dem Bildschirm verwiesen und die erkannte Geste an das auf dem Display dargestellte Shop-System weitergegeben. Auf ähnliche Art und Weise kann ein potenzieller Kunde mit einer wischenden Handbewegung in einem virtuellen Katalog blättern, per Handbewegung eine 3D-Ansicht der Ware drehen oder die Zoomfunktion nutzen.

Die von Fraunhofer HHI entwickelte Gestensteuerung wird bereits heute für weitere Einsatzbereiche genutzt. Beispielsweise als Tourismusinformationssystem oder für die berührungslose Bedienung eines Patientendateninformationssystems im OP. Die Gestensteuerung durch eine Schaufensterscheibe hindurch wurde nun erstmals auf der CeBIT 2011 als Prototypanwendung vorgestellt. Dabei wurde unter anderem gezeigt, warum die Anordnung des Systems hinter einer Glasscheibe eine besondere technische Herausforderung darstellt: Um ein einwandfreies Funktionieren der berührungslosen Bildschirmsteuerung zu gewährleisten, mussten die Forscher Bildauswertungsalgorithmen programmieren, damit trotz Lichtspiegelungen und Reflexionen von Objekten auf der Glasscheibe die Hände, Finger und damit ausgeführte Gesten zuverlässig erkannt werden können.

Für den Praxiseinsatz des Systems in Geschäftsauslagen kann der Systembetreiber frei wählen, welche Informationen er den Passanten vor seinem Geschäft anbietet, und auf welcher Benutzungsoberfläche er den interaktiven Service bieten will. So ist es zum einen möglich, lediglich auf zusätzliche Produktvarianten und Detailinformationen zu den rundherum im Schaufenster ausgestellten Waren hinzuweisen. Oder er kann ein Schaufenster durch den kompletten Online-Shop des Händlers inklusive Bestellmöglichkeit und Bezahlvorgang aufwerten. Die Gestensteuerung lässt sich um weitere Gesten und damit verbundene Bedienaktionen erweitern. Wichtig ist dabei, dass der Benutzer einen möglichst intuitiven Zugang zu der Anwendung hat. Eine sinnvolle Ergänzung wäre deshalb die zusätzliche Adaption von Bewegungen, wie sie inzwischen zur Bedienung von Multi-Touch-Displays üblich sind. Dabei werden Bilder durch ein Auseinanderziehen von zwei gegenüberliegenden Bildecken mit einer simultanen Zeigebewegung beider Arme vergrößert beziehungsweise herangezoomt. Oder man ergänzt das System durch eine Funktion, die über eine Kreisbewegung mit der Hand die Drehung eines 3D-Objekts auf dem Bildschirm ermöglicht.

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