Eine App für alle

Mithilfe einer neuen Plattform soll es möglich werden, dass ein und dieselbe Applikation auf nahezu allen Endgeräten läuft

177

©  — 

VORHERIGES BILD
NÄCHSTES BILD
<>

Innovationsgrad

REDAKTION:

0

9

COMMUNITY:

0

0

Marktreife2012

31. August 2010 — 

Mobiles Endgerät: was für ein hässliches Wort für die handlichen elektronischen Helfer, die jeder von uns jeden Tag streichelt, wischt, drückt oder lädt. Mobile Endgeräte sind uns „lieb“ geworden. Nicht, weil sich eine emotionale Beziehung mit ihnen aufbauen ließe, sondern weil sie wegen ihres großen Nutzens aus einem erfolgreich absolvierten Arbeits- oder Urlaubstag nicht mehr weggedacht werden können. Ein „mobiles Endgerät“ ist dabei weit mehr als nur ein Handy oder Smartphone. Selbstverständlich können auch VoIP-Telefone, Laptops, Tablet PCs, Navigationsgeräte, e-Book-Reader oder auch moderne Foto- und Videokameras, elektronische Bilderrahmen, Waagen oder Pulsmesser dazu gezählt werden, sofern sie sich mit dem Internet verbinden können. Was die meisten dieser Geräte auszeichnet, sind aber nur zum Teil die Funktionen, die „ab Werk“ bereitgestellt werden. Es sind vor allem die zusätzlich download- und installierbaren Applikationen, die aktuell vor allem Smartphones zu omnipräsenten Tagesdienern machen. Ihr eigentlicher Zweck, das Telefonieren, wird dabei fast zur Nebensache. Apps sind für die Besitzer so etwas wie die persönliche Inneneinrichtung ihrer Smartphones, e-Books oder sogar ihres Fahrzeugs, wo Apps inzwischen ebenfalls auf den Bordcomputer geladen werden können. Je nach individuellem Wunsch und aktuellem Interesse informieren, unterstützen und unterhalten diese kleinen Zusatzprogramme ihren Nutzer: von Office-Anwendungen, über Navigations- und Auskunftsprogramme bis hin zu Spielen, Nachrichten- und Leseprogrammen oder Applikationen, über die Musik-, Foto und Videodateien abgespielt werden können. „Mobile Applikationen werden von ihrer Bedeutung her bis zum Jahr 2020 bei den Konsumenten gleichermaßen beliebt sein wie es heute Webseiten sind,“ hofft Ilja Laurs, CEO von GetJar, einem unabhängigen Online-App-Store. Und das zu Recht: Großkonkurrent Apple verzeichnete im April vergangenen Jahres eine Milliarde Downloads seiner damals insgesamt 35.000 Programme. Ein halbes Jahr später waren es bereits zwei Milliarden. In diesem Jahr wird die Zahl der Applikationen, die allein über den Apple App Store heruntergeladen werden, auf vier Milliarden geschätzt. In drei Jahren dürfte die Zahl aller heruntergeladen Apps bei etwa 16 Milliarden pro Jahr liegen, prophezeit das Marktforschungsinstitut Gartner.

Derart unfassbare Zuwächse jedoch sind nicht nur dem weltweiten Interesse an Applikationen geschuldet. Sie sind auch Ergebnis eines Umstands, der weniger an moderne Zeiten als an Kleinstaaterei erinnert: Weil die Smartphones mit unterschiedlichsten Betriebssystemen arbeiten, muss ein- und dieselbe Applikation mehrfach programmiert werden. Für Symbian OS beispielweise, für BlackBerry, natürlich für Apple iOS und Windows Mobile, seit neuestem auch für Windows Phone 7. Selbstverständlich aber auch für Linux in verschiedenen Ausgestaltungen oder für Brew. Das ist nicht nur ein immenser Aufwand für die App-Entwickler, sondern hat auch einschneidende Konsequenzen für die Konsumenten: Denn wer wegen eines neuen Handys die Plattform wechselt, muss sich „seine“ Applikationen in der Regel neu herunterladen und dafür auch neu bezahlen.

Ähnlich problematische Verhältnisse zeigen sich nicht nur bei den Handys, sondern bei fast allen anderen Gattungen von Endgeräten: Bei Navigationsgeräten ebenso wie bei Spielekonsolen, beim Bordcomputer von Fahrzeugen oder beim internettauglichen Fernseher. Und „selbstverständlich“ gibt es auch bei Kameras, E-Book-Readern oder medizinischen Geräten bislang keine Anzeichen dafür, dass eine einzige App auf verschiedenen Geräten desselben Typs zum Laufen gebracht werden kann. Forscher wie Stephan Steglich vom Fraunhofer FOKUS sprechen deshalb von "technologischen Inseln“, zwischen denen – zumindest auf direktem Wege – wenig Kontakt besteht. Im Zuge einer Open Source Initiative names „Bondi-Projekt“ hat ein Konsortium aus Mobilfunkunternehmen (Mobile Operators) und Forschern deshalb erste Grundlagen gelegt, um „begehbare Brücken“ zwischen diesen „Inseln“ zu bauen. Der entscheidende Ansatz dabei: Web-Technologie-basierte Standards zu setzen, damit ein und dieselbe App ohne weitere Modifikation auf verschiedenen Mobilfunkgeräten lauffähig ist. Mittlerweile wurde diese Vision noch deutlich erweitert. In dem von der Europäischen Union mit zehn Millionen Euro geförderten Projekt „WAX“ (Secure WebOS Application Delivery Environment) sollen nun eine Open Source Plattform sowie Softwarekomponenten entwickelt werden, über die eine Applikation nicht nur auf unterschiedlichen Mobilfunkgeräten, sondern auf jedem Endgerät lauffähig ist – unabhängig von der konkreten Hardwarespezifikation beziehungsweise dem Betriebssystem.

WAX wird unter der Federführung von Fraunhofer FOKUS durchgeführt. Mehr als 20 Partner aus der Industrie und Forschung sind beteiligt, darunter Global Player wie die Deutsche Telekom, BMW, Sony Ericsson und Samsung Electronics. Unter dem Slogan „single application for every device“ (eine Anwendung für alle Endgeräte) will es das Konsortium ermöglichen, dass Webapplikationen über alle Geräte hinweg „durchgängig, benutzerfreundlich und sicher“ genutzt werden können. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere Handys, PCs, Fernseh- und andere Home-Entertainment-Geräte, zum Beispiel Set-Top-Boxen sowie in-vehicle Systeme im Auto, etwa für Navigation oder Entertainment. Starttermin für WAX war der 1. September 2010, angelegt ist das Projekt auf insgesamt drei Jahre, die wegen der schnellen Entwicklung im Bereich der Endgeräte-Industrie und der Mobilfunkunternehmen in zwei Mal 18 Monate aufgeteilt sind. „Am Ende jeder dieser beiden Entwicklungszyklen soll ein fertiges System stehen, wobei wir uns nach Ablauf der ersten eineinhalb Jahre grundlegende Erkenntnisse erwarten, die dann in die Konzeption und Planung des zweiten Prototypen einfließen werden“, erklärt Stephan Steglich, der für WAX die Projektleitung übernommen hat. In jedem der beiden Zyklen analysieren die Experten zunächst den technischen Status quo und entwickeln Nutzungsszenarien. Danach startet die eigentliche Entwicklungsphase mit Konzeption und „Bau“ des Systems. Dabei zeichnen sich schon heute hohe Hürden ab – etwa bei Fragen zur Kontrolle des Energieverbrauchs oder bei den Ein- und Ausgabemöglichkeiten. Denn natürlich unterscheiden sich die Geräte in diesen Punkten teils fundamental: Während ein Laptop oder ein Touchpad ideale Voraussetzungen für die Ein- und Ausgabe bieten, sind die Probleme im Auto deutlich größer. Zumal hier nicht nur die Eingabemöglichkeiten stark eingeengt und in der Regel nur über Sprachbefehle beziehungsweise herstellerspezifische Steuerkonsolen möglich sind. Auch die Ausgabe muss – anders als etwa bei einem Smartphone – situationsgerecht oder sogar „sensibel“ erfolgen, denn der Fahrer soll informiert, aber nicht von seiner eigentlichen Aufgabe abgelenkt werden. Auch im Bereich der Energieversorgung bei akkubetriebenen Endgeräten müssen die Forscher eine Vielzahl von Problemen lösen. Während auf einem Fernseher ein Stream mit einem hochaufgelösten Film problemlos betrachtet werden kann, wäre der Akku bei einem Smartphone schnell verbraucht, weil es eine Datenfülle zu bewältigen hätte, für die es nicht ausgelegt ist. Eine über WAX erstellte App muss also in der Lage sein, die Fülle der zu verarbeitenden Daten in ein vernünftiges Verhältnis zum Energieverbrauch zu setzen. Ansonsten würden die Nutzer trotz der neu gewonnenen Kompatibilität zwischen ihren Geräten schnell das Interesse an den neuen Möglichkeiten verlieren und ihre Smartphones nicht wie gewohnt streicheln, wischen und rücken, sondern links liegen lassen. Und das kann niemand ernsthaft wollen.

FOKUS Megastore

Auf der IFA 2010 präsentiert Fraunhofer FOKUS erste kommerzielle Lösungen für geräteübergreifende Anwendungen, die auf Handy, Settop-Box oder TV-Geräten laufen. Mit dem neu eingerichteten FOKUS Megastore soll die komfortable Erstellung, Verwaltung, Verteilung und Aktualisierung von Anwendungen für eine Vielzahl von Endgeräten zusätzlich unterstützt werden. So kann von Mobiltelefonen (Android, WM, iOS), Set Top-Boxen/TV-Geräten (CE-HTML, HTML5, Mediaroom MPF) und PCs (W3C Widgets) verschiedener Hersteller auf den Megastore zugegriffen werden, um nach Anwendungen zu suchen, sich Anwendungen empfehlen zu lassen und/oder zu kaufen.
Bitte Adresse eintragen:
www.fokus.fraunhofer.de/go/megastore

177 mal gelesen

0 Kommentar(e)

http://innovisions.de/beitraege/eine-app-fuer-alle/

Kommentare zu diesem Beitrag

0 Kommentare