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Der Fernseher ist „ganz Ohr“
Mit einem digitalen Hörgerät werden Fernseher, Radio oder Handy zum individuell angepassten Hörsystem
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Innovationsgrad
Marktreife2011
Oldenburg, Fraunhofer IDMT – Ein leichter Hörverlust wird in den meisten Alltagssituationen nicht als störend empfunden: Trotz verminderter Leistung wird beispielsweise ein Gespräch in ruhiger Umgebung als völlig normal wahrgenommen, weil unser Gehirn das schlechtere Hören durch erhöhte Konzentration ausgleicht. Problematisch Radio oder am Fernsehbildschirm. Hier ist es schwieriger, den Worten eines Sprechers zu folgen, weil in der Regel gleichzeitig Stimmen, Geräusche oder Musik im Hintergrund eingespielt werden. Fast immer reagieren die Betroffenen mit einem einfachen Druck auf die Fernbedienung und erhöhen die Gerätelautstärke. Doch obwohl ihre Hörfähigkeit beeinträchtigt ist und sie daher erst ab einem höheren Schallpegel gesprochene Worte verstehen, führt der höhere Schallpegel schnell zu einer unangenehm lauten Empfindung. Denn trotz abnehmendem Hörvermögen bleibt die Schwelle, ab der Geräusche als unangenehm empfunden werden, häufig gleich.
Eine Lösung für dieses Problem bietet derzeit nur der Einsatz eines Hörgeräts. Denn moderne Hörgeräte leisten wesentlich mehr als nur den Schall zu verstärken. Aufwändige Algorithmen sorgen dafür, dass in einer lauten Umgebung die Sprache gezielt verstärkt wird, während Störgeräusche aus dem Hintergrund wirkungsvoll unterdrückt werden. In das Handy eingebaut, könnten diese Verfahren aus der Hörgeräte-Technik sowohl für Menschen mit einer Höreinschränkung als auch für Normalhörende Vorteile bringen: Meldet sich der Anrufer aus einer lauten Umgebung, zum Beispiel einem Messestand oder vom Bahnsteig, sorgt die Störgeräusche-Unterdrückung für eine bessere Sprachverständlichkeit.
Diese Technologie wollen die Wissenschaftler am Fraunhofer IDMT künftig aber nicht nur für das Handy, sondern auch für Fernseher und Radio nutzen. Auch Personen ohne Hörgerät könnten so von den Möglichkeiten der digitalen Hörtechnik profitieren und ihre Unterhaltungselektronik an ihr persönliches Hörempfinden anpassen. Die technischen Voraussetzungen an Rechenleistung und Speicherkapazität wären bei vielen der für den Fernsehempfang verwendeten Set-Top-Boxen bereits vorhanden. Diese Geräte übernehmen ohnehin schon heute eine Schlüsselrolle für das „Zusammenwachsen“ der Medien- und Kommunikationsgeräte: Sie fungieren immer häufiger als Schnittstelle zwischen dem Netzzugang und dem TV-Gerät, dem Radio und dem Telefon. Um Set-Top-Boxen um ein „digitales Hörgerät“ zu erweitern, lässt sich die in den marktüblichen Hörgeräten verwendete Rechensoftware jedoch nicht einfach übernehmen. Denn das Anpassen der Signalverarbeitungssysteme im Hörgerät wird von spezialisierten Akustikern durchgeführt. Die digitale Hörhilfe in der Gerätelandschaft des Wohnzimmers dagegen soll von jedem Nutzer selbst eingestellt werden können. Am Fraunhofer IDMT arbeiten die Forscher daher neben Konzepten für die Bedienerführung und die Benutzeroberfläche auch an Analyseprogrammen, die den Benutzer zuhause durch eine Reihe von Hörtests führen. Mit den so ermittelten Daten kann das Hörvermögen abgeschätzt werden, so dass die Ergebnisse als individuelles Hör-Profil für Fernseher, Radio oder Telefon gespeichert werden können. Diese Profile können dann sowohl eingesetzt werden, um geringfügig Schwerhörenden einen ungetrübten Mediengenuss zu ermöglichen, als auch bei mittelgradiger bis starker Schwerhörigkeit, um mit einer zusätzlichen Störgeräuschbefreiung ein vom Hörgeräteakustiker angepasstes Hörgerät sinnvoll zu ergänzen: Der Nutzer hört bei sich zuhause Radio- und Fernsehton individuell angepasst an seine persönlichen Bedürfnisse. Werden die Lautsprecher im Wohnzimmer in Verbindung mit einem zusätzlichen Mikrofon auch als komfortabler Ersatz des herkömmlichen Telefonapparates verwendet, kann ebenfalls mit dem hinterlegten Hörprofil die Stimme des Anrufers optimal verstärkt und Störgeräusche unterdrückt werden.
Die Übertragung der in Hörgeräten eingesetzten Schallverarbeitung lässt sich jedoch nicht ohne weiteres für das Heimkino übernehmen. Im Gegensatz zum Hörgerät stellt ihr Einsatz am Fernsehgerät die Signalverarbeitung vor besondere Herausforderungen: Der Ton eines Kinofilms hat in der Regel nur wenig mit einer natürlichen Geräuschkulisse gemeinsam. Der Sound ist ein wichtiges stilistisches Mittel. Schnelle Szenenwechsel werden begleitet von ebensolcher Dynamik im Wechsel zwischen Filmmusik, Action-Geräuschen und den Stimmen der Darsteller. Den derzeit üblichen Algorithmen der Hörtechnik fehlt dabei die Zeit, sich auf die jeweilige Situation einstellen zu können. Eine Möglichkeit, die Systeme weiter zu entwickeln und für das Heimkino zu optimieren, sehen die Forscher am Fraunhofer IDMT unter anderem darin, intelligente Verfahren der Bilderkennung in die Verarbeitung des Tons einzubeziehen. Diese könnten etwa „sehen“, ob die Darsteller gerade im Vordergrund sprechen und daher das Verstehen der Sprache in diesem Moment besonders wichtig ist. Dann können sie dem digitalen Hörgerät entsprechende „Tipps“ zum Geschehen am Bildschirm geben.
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