Berliner Firmenlauf 2012

Auf Ideen programmiert

Im Spitzencluster für Unternehmenssoftware wird aus Software der Innovationsmotor für zukunftsfähiges Wirtschaften

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Marktreife2013

27. Mai 2010 — 

Kaiserslautern, Fraunhofer IESE –

Ohne umfassende Unterstützung durch die Informationstechnologien ist unternehmerisches Handeln schon lange nicht mehr denkbar. Dies gilt quer durch alle Wirtschaftsbereiche und Branchen und unabhängig von der Größe, für KMU ebenso wie für international aufgestellte Konzerne. Mächtige Softwareplattformen machen es möglich, dass ganze Wirtschaftseinheiten als „virtuelle Kopie“ mit allen Geschäftsprozessen auf den Firmenservern abgebildet werden. Die Konsequenz: In den Unternehmen haben sich die Softwaresysteme zu riesigen Programm- und Datensilos entwickelt. Jede Applikation ist an die spezifischen Anforderungen des jeweiligen Betriebes angepasst oder wurde sogar eigens für seinen Einsatzzweck konzipiert und programmiert. Das weltweite Zusammenwachsen der Märkte und die wachsende Vernetzung der Wirtschaftseinheiten aber erfordert zunehmend eine flexible Kooperation über die Unternehmensgrenzen hinweg. Auch deshalb werden Softwarelösungen immer wieder erweitert und neu angepasst. Dabei werden zwar vermehrt Ansätze genutzt, die den Datenaustausch zwischen Standorten sowie mit Entwicklungs-, Produktions- oder Vertriebspartnern erleichtern. Allerdings müssen - etwa zur Schaffung einheitlicher Schnittstellen zur Öffnung der Programmsilos und für Service Orientierte Architekturen (SOA) - erhebliche Aufwände geleistet werden. Denn wegen der unterschiedlichen Softwarewelten der Programmanbieter und durch das immer neue Anpassen der Software in den Programm- und Datensilos ist über viele Jahre hinweg eine sehr heterogene IT-Landschaft in den Unternehmen gewachsen. Die Gefahr ist somit groß, dass die Lösungen nur punktuell bestehende Lücken im Datenfluss schließen und eben nicht eine Softwarebasis entsteht, die dazu in der Lage ist, den Zukunftsanforderungen der wirtschaftlichen Entwicklung an die Unternehmenssoftware zu entsprechen.

Die bisherige Entwicklung der Informationstechnologien ist geprägt vom Postulat „Mittel zum Zweck“ zu sein. Würde den Softwarelösungen eine aktivere Rolle „zugeschrieben“, könnten Programm künftig aber auch die Funktion eines Produktivitätsfaktors für die Wirtschaft übernehmen. Sie könnte sich zu einem Innovationsmotor entwickeln, der unternehmerische Kooperationen fördert und neue Märkte für Internetund Softwaredienstleistungen eröffnet. Voraussetzung dafür ist allerdings ein kompletter „Neustart“: Unternehmenssoftware müsste künftig auf das Postulat der „Emergenz“ ausgerichtet sein. Als emergent werden Softwaresysteme dann angesehen, wenn sie die flexible und sichere Kombination von Lösungen verschiedenster Anbieter und internetbasierter Dienstleistungen erlauben. Einzelne Applikationen sind damit nicht mehr nur Problemlöser für einen bestimmten Zweck. Sie bieten zusätzlich einen wirtschaftlichen Mehrwert,weil sie sich unkompliziert miteinander kombinieren lassen. Softwareentwickler und Programmanbieter stehen also vor der Herausforderung die „digitalen Räder der Wirtschaft“ neu erfinden zu müssen. Sie müssen nicht nur geeignete Programmarchitekturen und Softwaretechnologien erforschen und entwickeln, sondern ein abgestimmtes und gemeinsames Vorgehen aller Akteure gewährleisten.

Im Rahmen des Spitzencluster-Wettbewerbs des Bundesforschungsministeriums wird der grundlegende Aufbau zukunftsfähiger Unternehmenssoftware nach dem Emergenzkriterium mit mehr als 80 Millionen Euro unterstützt: In Europas „Silicon Valley“ für Unternehmenssoftware im Südwesten Deutschlands haben sich die großen deutschen Hersteller IDS Sheer AG, SAP AG und Software AG sowie über 350 kleine und mittlere Unternehmen der Branche Europas größtes Software-Cluster aufgebaut. Als wissenschaftliche Institutionen sind neben dem Fraunhofer IESE auch das Fraunhofer ITWM, das DFKI und die TU Kaiserslautern beteiligt. Allein in der Spitzencluster-Region mit den Zentren Darmstadt, Kaiserslautern, Karlsruhe, Saarbrücken und Walldorf arbeiten 27.000 Beschäftigte in der Softwareindustrie und sind neben den Branchenführern weitere 8.400 KMU angesiedelt. Für die inhaltliche Arbeit bringt diese Bündelung von Know-how und Infrastrukturen innerhalb des Clusters beste Voraussetzungen für eine engmaschig vernetzte Zusammenarbeit. Zudem können bestehende Einrichtungen für die Erprobung von Softwareinnovationen genutzt und ausgebaut werden. Beispiele dafür sind drei Living-Labs, eines für den Bereich Produktion in Kaiserslautern, ein weiteres für Softwareprozesse im Handel in Saarbrücken und eine Testumgebung für Sicherheit und Krisenmanagement in Darmstadt.

Im Mittelpunkt der Aktivitäten des Clusters „Softwareinnovationen für das Digitale Unternehmen“ steht derzeit noch die Erforschung der Grundlagen für die Entwicklung emergenter Software. Beispielsweise muss geklärt werden, welche Anforderungen und Kriterien Softwarearchitekturen und Programmdesigns dafür erfüllen müssen. Existierende Modelle und Vorgehensweisen werden dazu grundlegend neu hinterfragt. Die Anpassung und Erweiterung üblicher Praktiken in der Softwareentwicklung ist für die Forscher dabei niemals die einzige Option. Da sich das Forschungs-Cluster den „Neustart“ im Bereich der Unternehmenssoftware zum Ziel gesetzt hat, muss vorab geklärt sein, ob Architekturstile und Softwaretechniken nicht vollständig neu kreiert werden sollten. Bevor es gelingen kann, emergente Softwaresysteme zu entwickeln, die das geforderte Maß an Flexibilität und Kombinierbarkeit erfüllen können, wollen die Forscher grundlegende Lösungen für vier Schlüsselkriterien erarbeiten: Wenn bei der Kollaboration zwischen Wirtschaftspartnern die Softwaresysteme flexibel vernetzt zusammenarbeiten, spielt erstens die Sicherheit von Prozessen und Daten eine entscheidende Rolle. Entsprechende Verfahren zur Nutzungskontrolle, Abrechnungsmodelle und zuverlässiger Zugriffsschutz werden auch benötigt, um neue Technologien wie das Cloud-Computing einsetzen zu können. Eine umfassende Kontrolle des Datenflusses muss also gewährleistet sein. Gleichzeitig sind von den künftigen Softwarelösungen als weitere Schlüsselkriterien zweitens die Adaptivität und drittens die Interoperabilität zu erfüllen. Ohne die Datensicherheit zu gefährden, sollen die Softwarekomponenten unter anderem miteinander Ad-hoc-Vernetzungen aufbauen können, etwa um Softwaredienste über das Internet anzubieten und zu nutzen. Das vierte Schlüsselkriterium auf der Agenda der Cluster-Partner ist die Schnittstelle der Softwaresysteme zu den Benutzern. Intelligente Anpassungsmechanismen sollen zum Beispiel dafür sorgen, dass der Endnutzer am Bildschirm eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene einheitliche Benutzeroberfläche erhält, auch wenn er bei seiner Arbeit Inhalte und Programme unterschiedlichster Anbieter verwendet.

Das gemeinsame Ziel der Cluster-Partner ist es, künftige Unternehmenssoftware so zu gestalten, dass sie zunächst einmal innerhalb der Firmen zu mehr Produktivität führt: Weil emergente Softwaresysteme auf Veränderungen flexibel und schnell reagieren, reduziert sich der Aufwand für Systemanpassungen und Erweiterungen der Unternehmen-IT beträchtlich. Zudem unterstützt emergente Software die Entwicklung vieler Wirtschaftsbereiche hin zu dynamischen Kooperationsnetzwerken, und schließlich schafft sie die Basis für den Aufbau neuer Marktstrukturen. Unternehmen benötigen für ihre Arbeit keine eigenen Programm- und Datensilos mehr, sondern können bedarfsgerecht IT-Leistungen bei verschiedensten Softwaredienstleistern in Anspruch nehmen.

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