Angst und Überangst

Kolumne »Wild Duck«

7471

Wild Duck Kolumne Keyvisual

© cwo — 

Kolumne | Wild Duck | Prof. Dr. Gunter Dueck

11. November 2013 — 

Besonders die Deutschen haben Angst. Amerikaner sprechen von ›German Angst‹. Die Wikipedia definiert: »Angst ist ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein.«

 

Zum Beispiel wehrt sich Deutschland zur weltweiten Verwunderung gegen Google Streetview. ›Keiner darf meinen Vorgarten im Internet sehen, den ich so toll angelegt habe, dass jeder Mensch stehenbleiben soll und mich bewundern muss.‹ Deutsche ändern ihr Leben, wenn es zehn Fälle von Vogelgrippe in Hongkong gibt oder zwei BSE-Tote in Großbritannien. Deutschland schafft sofort die Atomkraft ab, weil es in Japan einen Tsunami gab. Das ist alles nicht falsch – aber es passiert nur in Deutschland so! 


Wir haben also wohl ganz schön viel Angst. Zum Schluss meiner Berufslaufbahn war ich als CTO der IBM Deutschland speziell für Cloud Computing zuständig. Da musste ich mir oft um die Ohren schlagen lassen, dass die Daten im Netz total unsicher wären. ›Meine Daten bleiben auf ewig in meinem Keller.‹ Ich scheiterte glatt mit meinen Anmerkungen, dass dann bald auch dass das ganze Business in den Keller mitginge. Als IBM dann wirklich erste Cloud Services anbot, da standen die physischen Server in Texas und atombombensicher unter Tage in Ehningen, ein Tribut an das Deutsche. 

Und nun kommt es täglich zu neuen Enthüllungen durch ›Snowden‹, dass die Geheimdienste überhaupt alles wissen und jeden von uns ausspionieren, sogar das Handy der Kanzlerin. Rennen nun die Deutschen sofort für Anti-Spy-Medizin in die Apotheke, wie sie es bei der Vogelgrippe getan haben? Die Vogelgrippe war noch irreal unwahrscheinlich, aber der Abhörfall ist ja schon eingetreten! Verschlüsseln jetzt die Deutschen ihr Privatleben? Haben sie Angst? Ich frage verstört nach: ›Haben Sie Angst?‹ Und die Antwort schallt mit unisono entgegen: ›Ich habe nichts zu verbergen.‹ Das kann gar nicht stimmen, weil allein virtueller und realer Rotlichtsumpf locker ein Drittel von allen von uns betrifft. Aber sie sagen, dass sie alle eine weiße Weste haben. Seltsam. 
Da fällt mir ein, dass mich meine Mutter so einschüchtern wollte: »Gott sieht alles.« Das wissen alle Gläubigen. Warum begehen sie dann aber doch Sünden? Warum benehmen sie sich nicht achtzig Jahre anständig und bekommen ein ewiges Paradies dafür? 

Ich glaube, die NSA-Unsicherheitsproblematik ist so ungeheuer übergroß, dass wir uns dann lieber doch gar keine Gedanken darum machen wollen, so wie auch nicht um unser ewiges Leben. Das Problem ist übermächtig. Wir sind so klein. Wir haben Angst, uns damit zu befassen, weil genau das zu einer irrsinnig großen Angst führen müsste. Wir haben, um es mit meinem Wort zu sagen, Überangst. 

Es gibt Studien, bei denen sich ein Teil der Probanden einen schmerzhaften Zahnarztbesuch vorstellen sollten, der andere Teil den eigenen Tod. Die einen zeigten Angst, die anderen reagierten mit positiven Assoziationen an ›ein erfülltes Leben‹. Das muss wieder diese Überangst sein – die verhindert, dass wir Angst vor dem Tod haben – oder vor der NSA. Es reicht uns, dass ein Nationenabkommen zum Nichtabhören weiblicher Kanzlerhandys geschlossen wird! Nun kennt die NSA nur noch die Telefonate all derer, mit denen Frau Merkel telefonierte. Das beruhigt uns. 


»Empört euch!«, schrieb ich auf meiner Homepage, aber die Überangst antwortete: »Du kannst eh nichts tun. Die Welt ist schlecht – wie sie eben immer ist.«

 
Empören Sie sich! Haben Sie Angst! Nicht vor dem Überwachen – Angst davor, dass das Überwachen nur eine kleine technische Vorübung zu virtuellem Krieg ist!

7471 mal gelesen

3 Kommentar(e)

http://innovisions.de/beitraege/angst-und-ueberangst/

Kommentare zu diesem Beitrag

0 Kommentare