Analoger Zauber

Kolumne "Killers Applikation"

784

© cwo — 

Kolumne | Killers Applikation | Achim Killer

VORHERIGES BILD
NÄCHSTES BILD
<>
23. August 2011 — 

Wer die digitale Medienwelt wirklich verstehen will, der muss zuvor in eine längst vergangene eintauchen, die analoge. Heute klingt das wie ein Märchen: Aber in jener verbreiteten braune Lindwürmer Angst und Schrecken. Bezwungen wurden sie stets jedoch von Frauen, die hexen konnten.

Wenn der Teufel in so einen Lindwurm gefahren war, dann verhedderte er sich gar schrecklich und verwandelte sich in einen furchtbaren Bandsalat. Für Kinder, die mit dem iPod aufgewachsen sind: So ein Tonband, das stellt man sich am besten als gaaanz langgezogenes mp3 vor. Damit wurde früher Radio gemacht (Podcast ohne Internet und ohne den Nochmal-Button).

Hörfunktechnikerinnen konnten mit diesen Bändern zaubern: Sie zogen so einen fürchterlichen Lindwurm langsam am Tonkopf vorbei – ein ersterbendes „w-u-ä-h“ ertönte – dann schnitten sie hurtig ein Stück der braunen Haut heraus, und schon war die Stimme auch des größten Stammlers ohne „äh“ zu vernehmen.

Überleben konnte man als Reporter in dieser Welt voller Gefahren nur durch die Gunst der Technikerinnen, die „ähs“ und Versprecher aus vorproduzierten Beiträgen schnitten, und natürlich durch die göttliche Gnade: „Das versendet sich“, lautete das „ego te absolvo“ der längst vergangenen analogen Zeit. Der Hörer war noch gläubig und zweifelte daher eher an seinem Ohr, das meinte, einen Versprecher in einer Live-Sendung gehört zu haben, als an den Worten des Reporters.

Eine journalistische Sünde ward deshalb schlimmsten Falls eine lässliche. Entweder bewahrten einen zaubernde Technikerinnen davor oder sie versendete sich und ward vergessen und vergeben.

Das digitale Zeitalter hingegen kennt keinen Zauber und keine Gnade. Irrglaube herrscht! Der Irrglaube, ohne - oder fast ohne - zaubernde Technikerinnen Radio machen zu können. Privatsender und Unternehmen – die nennen ihre Sünden „Audioblog“ - verfielen ihm zuerst. Und durch einen Fluch Namens Wettbewerb verbreitet er sich in der ganzen Radiowelt.

Und in der versendet sich heute nichts. Vielmehr werden alle Sünden ins Netz gestellt, damit die Spötter auf alle Ewigkeit gnadenlos Spaß daran haben.

Den Autor hat unlängst dieser Fluch auch getroffen: ein böser Versprecher in einer Live-Sendung, die anschließend ins Web gestellt wurde. Mehrfachverwertung, schon der Kosten wegen.

Wenn einem so was passiert, geht man anschließend ganz bedröppelt zur Technikerin, die sich schon den Podcast anhört – ohne Versprecher!

„Ich hab’s vor dem Konvertieren in mp3 herausgeschnitten“, lächelt sie. – „So schnell?“ - „Das ist ja keine Hexerei mehr, digital halt.“ Wow! Solche Menschen braucht das digitale Medienzeitalter. Sie muss eine Fee sein, die aus der analogen Welt herübergekommen ist. Bestimmt. Allein schon, wie sie lächelt!

784 mal gelesen

1 Kommentar(e)

http://innovisions.de/beitraege/analoger-zauber/

Kommentare zu diesem Beitrag

1 Kommentare

Wirklich zauberhaft formuliert! Als analog-gelernter Medienproduzent, der nun in der digitalen Welt Fuß fassen will ist es zu Zeiten von Arbeitsfeldverschmelzungen, wie zum Beispiel dem Videojournalismus, ein großes Lob, dass auch heute noch der rein technische Aspekt gewürdigt wird. Doch sollte man auch die Leistungen der Autoren nicht zu gering einschätzen, die mit viel Energie und Leidenschaft immer wieder bemüht sind die inhaltliche Qualität trotz der digitalen "Widrigkeiten" zu maximieren. Jedenfalls vielen Dank für diesen Beitrag!

Bauscher André via InnoVisions am 24. August 2011


ABSCHICKEN
NEUER KOMMENTAR

ABSCHICKEN